Wolframs Eschenbach
Parzivals Standbild







Wer die Einkaufsmärkte im Süden der Stadt Wolframs-Eschenbach aufsucht, biegt in die Parzivalstraße ein und dreht einen Vollkreis um einen gewappneten Ritter, der seine Ohren weit hochstellt ins fränkische Land, um dem Schlachtruf der närrischen Garden zu lauschen: "Minnesänger aha!" schallt es da dreifach zurück.

Er kam sechs Fähnlein stark geritten:
Von denen wurde bald gestritten.
Posaunen hört man krachend tönen,
So pflegt der Donner zu erdröhnen,
Wenn er die Welt in Schrecken setzt.
Wirbelnd stimmten Trommeln jetzt
In der Posaunen Blasen.
Blieb noch ein Halm am Rasen
Unzerstampft, so weiß ichs nicht.
Der Erfurter Wingert spricht
Noch von solcher Tritte Noth,
Dem mancher Huf Verwüstung bot.




Plastisch die Schilderung vom Erfurter Weingarten, in welchem Landgraf Hermann mit seinen Rittern so haust, wo König Philipp sich verschanzt; Hermann ficht auf Ottos, des Gegenkönigs Seite. Diese Verwüstungen im Erfurter Wingert hat er gesehen, als er kurze Zeit später nach Eisenach kommt. Viel mehr wissen wir nicht vom Sänger des Parzival.

Denn über ihn hat niemand außer ihm selbst Zeugnis abgelegt - und da hat Wolfram mehr Spuren verwischt als gelegt. Der Sänger läßt seinen Erzähler als Ritter auftreten, des Lateinischen unkundig, dem Wertheimer lehnspflichtig, ein Bayer, aus Eschenbach stammend. Eindeutig und überzeugend ist der Gesang, so der bayerische König - und er verfügt im vorletzten Dienst- und Kriegsjahr, dies könne allein Obereschenbach Kreis Ansbach sein: eines Dichters Namen, einzig in Deutschland, trägt seitdem die mauerbewehrte Stadt.

Wolframs-Eschenbach

Wer deren Kunde will empfahn,
Der rechn es für kein Buch mir an:
Ich kenne keinen Buchstaben.
An Büchern mag, wer will sich laben:
Diesen Abenteuern
Sollen Bücher nicht steuern.
Eh man sie hielte für ein Buch,
Lieber wär ich ohne Tuch
Nackt, wenn ich im Bade säße,
Des Büschels freilich nicht vergäße.




Gelehrtengenerationen rätseln über das kokette Spiel mit des Sängers Bildung, der sich auskannte in Medizin, Geographie, Alchemie, Literatur und Astronomie samt Astrologie, Stein-, Pflanzen- und Bilbelkunde wie kein andrer. Dass die Dichtung auf eigenen Mist gewachsen und nicht angelesen ist, will uns Wolfram sagen. Simrocks Übersetzung ist hier irreführend, wörtlich holprig muss es nämlich so heißen:
Mit Buchstaben kann ich nichts anfangen. Von denen gehen genügend Dichter aus: diese Geschichte ist ohne Hilfe der Bücher auf dem Weg, was original tönt:
ine kann decheinen buochstap.
da nement genaoge irurhap'
disiu aventiure
vert ane derbuoche stitire




Auch unwahr, denn Wolfram hat sich Chrétiens de Troyes Arthur-Roman angelesen und zu eigen gemacht, ihn frei erweitert.
Über Frau und Kind, Haus und Hof hört das erlauchte Publikum:
Wer nun von Frauen beßer spricht,
Fürwahr, ich haß ihn darum nicht;
Ich vernehme gern, was sie erfreut.
Nur Einer bin ich unbereit
Hinfort zu dienstlicher Treu,
Ihr ist mein Zorn immer neu;
Ihr Fehltritt schafft mir Ungemach.
Ich bin Wolfram von Eschenbach,
Nicht unerfahren im Gesange,
Und halte fest wie eine Zange
Meinen Zorn wider ein Weib,
Denn sie hat mir Seel und Leib
Betrübt durch solche Missethat,
Sie zu haßen, anders ist kein Rath.
Trifft mich darum der Andern Haß,
O weh, warum denn thun sie das?


Einstimmen auf das folgende Drama will uns der Sänger, der Zuhörer kann nur Vermutungen anstellen zum Ich des Sängers.



Von einem Turnierplatz im Fränkischen singt der Sänger, weitberühmter Mittelpunkt höfischer Ritterkultur, bei Burg Abenberg, die Gäste heute mit Urkunden als geprüfter Franke verlassen, nennt Burg Wildenburg, wohl Wehlenburg nahe Ansbach, oder Burg Heit- alias Haidstein in der Markgrafschaft Cham.
15 vollständige Texte gibt es bekanntlich, jedermann unter den Rittern und jedefrau in den Kemenaten hat vom Parzival gehört, das bestüberlieferte mittelhochdeutsche Stück, oft und oft weitergedichtet bis zu des Bayreuthers Wagner Lohengrin und den Rappottsteiner Porzival.

San-Marte liefert 1836 die erste vollständige Übersetzung, Duellant, königlich preußischer Auscultator, Geheimer Regierungsrat und Nichtfachmann, dessen literarisches Hobby zur Strafversetzung nach Bromberg führt.

(Ende Buch 6)

Peter Wapneski, Professor der Deutschen Literatur des Mittelalters, liest und kommentiert den Parzival des Wolfram in der Mohr'schen Übertragung wohl am kundigsten.

Kirche Wolframs-Eschenbach

Wieder nur Zeugnis vom Hörensagen aus spätmittelalterlicher Quelle: eine überlieferte Grabplatte, nicht authentisch, weil 4 Jahrhunderte später gefertigt: Sein angebliches Grab, das ein Patrizier aus Nürnberg 1608 in der Liebfrauenkirche zu Eschenbach findet, deren farbig gebranntes Ziegelspitzdach weithin sichtbar ist im flachen Land am Mönchswald, mit Inschrift und Krugwappen: Hie ligt der Streng Ritter herr Wolffram von Eschenbach ein Meister Singer. Oder auch Wolfelin von Eschenbach, „miles“ taucht lang erst nach Wolframs Zeit auf...

Von Eltern erzählt das Lied, von des Jungen Weg zur Ritterschaft, von nicht gestellten Fragen, vom geheimnisumwitterten heiligen Gral, der eine Schar zur Erde und wieder zurück zu den Sternen bringt, von der Wahl zum Gralskönig, von der Abkehr von Gott, von der Trauer Sigunes um Schianatulander, es singt von Gawan und Artusrittern, beruft sich auf Salomos Verwandten Flegetanis, und Kyot, der in Toledo fündig wurde. Und alles weist Wolfram aus als einen der Großen abendländischer Dichtung, voll Phantasie und Humor, mit Verständnis und Sympathie für alles Menschliche, dennoch auf der Suche nach dem Höchsten und Letzten, Leben, echter Adel und Schreiben einander ganz nah:

Weshalb denn
bedürfte es Antworten
auf die Frage nach seinem
Woher?



Auf dem gepflasterten Platz vor seinem Museum, zu dem er hinüberblickt, steht stolz seit 1861 in Galakleidung mit Harfe zwischen vier Schwänen auf einem Brunnen im Stil der alten Zeit Minnesänger und Ritter Wolfram von Eschenbach.



http://www.minnesang.com/frank-wunderlich.htm

Und tritt 2005 auf Burg Falkenstein im Harz zum Sängerkrieg an und siegt.
Fränkisch sei sein Stil, maniriert, rügt der andere Minnesänger, Gottfried von Straßburg, Wolframs Rivale. Das ist die Art der Franken, Jean Paul, Matthias Grünewald , Tilman Riemenschneider lassen grüßen. Das aber sind wieder andere Fundstücke ...