einer von den Zwanzig,
für die ich mich
mit der ganzen Welt prügeln würde.
Arno Schmidt




Jean Paul: Giannozzos Logbuch


Auf dem Wasser war er nie, der Pfarrerssohn aus dem Fichtelgebirge, geschweige denn in der Luft, zu seinen Lebzeiten meistgelesener deutscher Dichter, populärer als Goethe, dem er suspekt ist. Dennoch gibt es keinen Besseren als ihn, um Himmelfahrt und Höllensturz des Zeppelinpiloten 'Großer Hans' herauszugeben. Giannozzos Gefährt ist steuerbar, eine Montgolfière nicht. Der Verfasser dieser Vogelperspektive auf die Ameisenkongresse der Menschen, wandert viel - wie Sebald - und wie für dessen Andenken im Allgäu gibt es für ihn einen Wanderweg in Franken.
Von Hukelum nach Kuhschnappel, wo er das Gymnasium bezieht samt seiner umfangreichen Exzerptensammlung. Gute zehn Kilometer sind es, die Jean Paul in seiner Kindheit wöchentlich einmal läuft mit passendem Quersack auf dem Rücken zu den wohlhabenden Großeltern, um Fleisch und Kaffee und alles zu holen, was im Dorf entweder gar nicht zu haben war, oder doch nicht um den äußerst geringen Stadtpreis.

Brennend interessieren ihn technische Erfindungen seiner Zeit, genauso wie die Umbrüche in Politik und Gesellschaft. Sich immer der Enge seiner Herkunft bewußt, wo das Lesen die Welt ersetzt, erträumt er das Seebuch, sehnt sich nach Weit- und Überblick aus höchster Höhe, der, wie es scheint, oft verloren geht im Gesamtwerk, in skurrilen Einfällen und wilder Metaphorik, in abschweifenden, labyrinthischen Handlungen: Von außerhalb der natürlichen Grenzen will er aus dem All auf die Erde, ja auf das Universum selbst blicken. Sich lösen aus der Enge, aus Unfreiheit und Hunger, aus der Armut seiner Vergangenheit. Und so schreibt er als Dreh- und Angelpunkt des Titan den selbständigen Einschub

Des Luftschiffers Giannozzos Seebuch
Almanach für Matrosen, wie sie sein sollten

14 Fahrten macht der Pilot, führt genau Logbuch, Spiegel der Unruhe seines Erfinders, des unsteten Ziehens von Ort zu Ort und des Hangs, sich fortzuträumen. Das Büchlein gehört zum besten, was der Autor schrieb. Zwei Mal begegnet sein Freund Leigeber alias Graul dem Giannozzo, auf dem Brocken als Nachtwandler und beim Rheinfall von Schaffhausen, wo er in den Tod stürzt, rechter Arm und Mund weggerissen, das Horn zum Teil geschmolzen, seine langhängenden Augenbraunen auf den hohen Augenknochen kahl weggebrannt und sein Gesicht sehr zornig verzogen; alles andere aber unversehrt.

Gianozzo bietet auf ein paar Seiten alles, was Jean Paul ausmacht, offenbart Lebenslügen, und - wenn er es satt hat - steigt Giannozzo auf, entschwindet hohnlachend zur Höhe.

Gianozzo als böser Engel gibt Raum für Anspielungen auf bilblische Offenbarung und Weltengericht. Mit nihilistischer Negativiät christliche Inhalte ins Gegenteil kehrend.

Es beginnt beim Start, wo das Fest der Wiederkehr umgekehrt wird:

Vorgestern am ersten Pfingsttag, wo der heilige Geist aus dem Himmel niederkam, verfügt' ich mich aus Leipzig in denselben und stieg. Vor dem Peterstore neben der Kirche spannt' ich meine azotischen Flügel aus - zum Glück in einer Viertelstunde. Denn der Portier des Tores und der der Kirche (der Küster) schlossen einen Verein und suchten die Polizei aufzuwecken, um es mir verstärkt zu wehren, damit ich nicht unmittelbar vor den langen Kirchenfenstern in die Höhe segelte und sie drinnen turbierte. Ich war aber bald über das zugesperrte Stadttor weggeflogen...

Seine Eindrücke erinnern an filmische Perspektiven: Viertehalbtausend Fuß tief rannte die weite Erde - ich glaubte festzuschweben - unter mir dahin, und ihr breiter Teller lief mir entgegen, worauf sich Berge und Holzungen und Klöster, Marktschiffe und Türme und künstliche Ruinen und wahre von Römern und Raubadel, Straßen, Jägerhäuser, Pulvertürme, Rathäuser, Gebeinhäuser so wild und eng durcheinander herwarfen, daß ein vernünftiger Mann oben denken mußte, das seien nur umhergerollte Baumaterialien, die man erst zu einem schönen Park auseinanderziehe.
Und die simultane Schilderung nimmt genialisch das Internet vorweg, es ist, als hätte Jean Paul Google gekannt:
Auf der Fläche, die auf allen Seiten ins Unendliche hinausfloß, spielten alle verschiedenen Theater des Lebens mit aufgezogenen Vorhängen zugleich - einer wird hier unter mir Landes verwiesen - drüben desertiert einer, und Glocken läuten herauf zum fürstlichen Empfang desselben - hier in den brennend-farbigen Wiesen wird gemähet - dort werden die Feuersprützen probiert - englische Reuter ziehen mit goldnen Fahnen und Schabaracken aus - Gräber in neun Dorfschaften werden gehauen - Weiber knien am Wege vor Kapellen - ein Wagen mit weimarschen Komödianten kommt - viele Kammerwagen von Bräuten mit besoffnen Brautführern - Paradeplätze mit Parolen und Musiken - hinter dem Gebüsche ersäuft sich einer in einem tiefen Perlenbach, nach dem dabei zusehenden Kniegalgen zu urteilen - lange Fähren mit vielen Wagen ziehen unten über breite Ströme und ich oben gleichfalls, aber ohne Fährgeld - ein Schieferdecker besteigt den Stadtturm, und ein sentimentalischer Pfarrsohn guckt aus dem Schalloch, und beide können (das kann ich viertehalbtausend Fuß hoch abservieren, weil die dünne Luft alles näher heranhebt) sich nicht genug über das Hundert Fuß tiefe Volk unter sich verwundern und erheben - Gartendiebinnen mit Brustavisen stehen in Prangern wie Heilige in Kapellen sehr umrungen - einer auf Knien und hinter der Binde muß drei Kugeln seiner dreifarbigen Kokarde wegen in den Pelz auffangen - ein für die Kirmes angeputztes Dorf samt vielen nötigen Verkäufern und Käufern dazu - katholische Wallfahrten, von schlechtem Gesang begleitet - ein lachender, trabender Wahnsinniger muß eingefangen werden - fünf Mädchen ringen entsetzlich die Hände, ich weiß nicht warum - über hundert Windmühlen heben im Sturm die Arme auf - die blühende Erde glänzt, die Sonne brennt aus den Strömen zurück, die muntern Schmetterlinge unten sind nicht zu sehen und die hohen Lerchen nur dünn zu hören, oder ich täusche mich sehr - das Leben hier schweigt und ist groß und droht fast - Gott weiß, welcher gewaltige böse oder gute Geist hier in dieser stillen Höhe dem Treiben grimmig-grinsend oder weinend-lächelnd zusieht und die Tatzen ausstreckt oder die Arme, und ich frage eben nichts nach ihm....

Die Gewitterszene ist - der Autor weist darauf hin - dem letzten Akt von Mozarts Don Giovanni nachempfunden.
Giannozzo bleibt seinem Sarkasmus und Ekel treu:
Über das Treiben der Zeitgenossen, über ihren Hochmut, ihre Selbstüberschätzung und Wichtigtuerei, über ihre mit apokalyptischen Bildern illustrierte Kriegslüsternheit. Entsetzlich! - Jetzt darf ich sie recht hassen, die Menschen, diese lächerlichen Kauze und Weisheitsvögel im Hellen, die sogleich zerrupfende Raubvögel werden, sobald sie ein wenig Finsternis gewinnen. Nur mit Schießpulver tun sie alles; nur damit reinigen sie die Kerkerluft der Länder; damit machen sie die Wunde, die ihnen das wütige Laster gebissen, weiter und heil. Jahrhundertelang arbeitet die Habsucht in ihrer Silberhütte, und dann ist endlich in den Giftfängen eurer Herzen so viel Arsenik angelegt, daß mit dem Hüttenrauch alles, was lebt und blüht, fahl und kahl zu machen ist.

Und das Ende: Wunderbarer Tag! Hell ziehen schon die schimmernden Schweizergebirge mit ihren Tiefen und Zinnen vor mir heran und schütten den Rhein weg; aber hinter mir wachsen eilig die Gewitterwolken in den Himmel herauf und schweigen grimmig; die Lüfte gehen immer langsamer und bewegen mich kaum.
...
Jetzt regt sich nichts mehr. Vor welcher Welt schweb' ich still! Was ist das? Kommt mein Schicksal? - scharrt der schwarze Hahn? - Ich wollte mich jetzt tiefer senken vor die herrliche, auf der alten ruhende neue Welt; aber ich konnte nicht, die Verbindung zwischen den Lufthähnen ist durch das schnelle Aufreißen in der Schlacht zertrennt; ich kann mich bloß, wenn ich nicht durch Windstöße eine Alpe erreiche, eh' mich das Gewitter ergreift, durch das Aufschlitzen der Kugel erretten.
...
O wie schön! In Morgen rauschen Donner und Fluten, und auf ihnen hängt statt des Regenbogens ein großes, stilles Farbenrad, ein flammiger Ring der Ewigkeit aus Juwelen - Die warme, sanfte Sonne glimmt nicht weit von den Gewitterzacken - Noch sonnen die goldgrünen Alpen ihre Brust, und herrlich arbeiten die Lichter und die Nächte in den aufeinander geworfnen Welten der Schweiz durcheinander; Städte sind unter Wolken, Gletscher voll Glut, Abgründe voll Dampf, Wälder finster, und Blitze, Abendstrahlen, Schnee, Tropfen, Wolken, Regenbogen bewohnen zugleich den unendlichen Kreis.
...
Kein Blitz, nur Schwüle! - Aber ich merke, die Wolke zieht mich zu sich. Ach! jetzt wölbt sich auf einmal zusehends ein zweites Gewitter über mir; beide schlagen dann gegeneinander, und eines greift mich, jetzt versteh' ichs. -
...
Bis auf die letzte Schlag-Minute schreib' ich, vielleicht wird mein Tagebuch nicht zerschmettert.
...
Nun geraten schon die Enden der Gewitter aneinander und schlagen sich. - Wie höllenschwül! - Oho! jetzt riß es meinen Charonskahn in den brauenden Qualm hinab! - Ich sehe nicht mehr - Was ist das Leben - die feigen lockenden Menschen drunten singen jetzt gewiß zu Gott, und die Erbärmlichen werden gewiß jeden vermahnen bei meinem Leichnam -

Sebalds Maler Nithart läßt grüßen, als er entschwindet im Elementargedicht.

Kurz nach Erscheinen des Werks läuft Jean Paul in den Hafen der Ehe ein, er, der wie kein anderer so vergnüglich-misogyne Sticheleien verfaßt hat. Nie zuvor aber auch sind in der deutschen Literatur weibliche Charaktere mit so psychologischer Tiefe dargestellt. Er ist Liebling der Frauen, als Autor und Mensch.

aus der ersten Fahrt:

"Aber ich strecke meine Arme (an meinem innern Menschen und neuen Adam hängen beide) Dank-betend gegen dich aus, göttliche Sonne, und danke dir, daß ich dir näher bin und ferner von den Menschen, sowohl von den Sachsen als von allen andern! - Ich will sterben, schlaf' ich diese Nacht drunten. - Und doch möcht' ich an dem Steine liegen, wo du einschliefst, heiliger Gustav, und heute zu diesem Jakobs-Kopfkissen niederfahren!" - -

Das schrieb ich, da ich auf dem Schlachtfelde bei Lützen den Gedächtnisstein sah, den ausgeworfenen Ballast, als Gustav blutig höher fuhr; - - aber die Winde wurden meine Sänftenträger, und ich schlief über euerem Gewölke.

Mein Schiff hab' ich - da doch jedes so gut wie eine Glocke oder seine Mannschaft unter der Linie eine Taufe haben will - den 'Siechkobel' getauft.

aus der zweiten Fahrt:

In Luftschiffs-Journalen muß Ordnung sein; ich fange wieder an. Vorgestern am Auffahrtstage war ich um die Welt nicht herunterzubringen auf diese; vom unsteten Wehen ließ ich mich über Sachsen hin- und herwürfeln. Ich oder der neue Trabant um die Erde mochte ihnen drunten etwan die scheinbare Größe des alten haben. Mein Tischgebet verrichtete ich vor einem weichen Ei, das ich mir in Dintenwein1) auftrug. Ich könnte ein pläsantes Leben hier oben führen, wenn ich mich nicht den ganzen Tag über alles erboste, was ich mir denke und finde. Schon drunten war ich oft imstande, tagelang die Stube auf- und abzulaufen und die Faust zu ballen, wenn ich über die böse Zwei (die böse Sieben für mich), über Ungerechtigkeit und Aufblasung reflektierte und mir die greuliche Menge der Schnapphähne und der Krähhähne vorsummierte, die ich in so vielen Ländern und Zeiten muß machen lassen, was sie wollen, ohne daß ich den einen die Sporen, den andern den Kamm abschneiden, dort Köpfe, hier Fenster einschlagen könnte.

1) Vin tinto, der beste Wein in Algarbien und fast dintenschwarz

aus der dritten Fahrt:

Den wahren Himmel auf Erden, sagt' ich oft, besitzt wohl niemand als ein Seefisch. Wär' ich einer, z. B. ein Haifisch, so könnt' ich unter dem Eishimmel des Nordpols hervorbrechen, vor der kalten Zone vorbeischwimmen, dann vor der gemäßigten und am Gleicher halten und wie andere Normänner Menschen rauben - und dann meine Reise um die Welt fortsetzen. - Ich hätte überall etwas zu fressen, nämlich meine Wasser-Sassen, die Stockfische, und wo ich fröre oder schwitzte, säh' ich mein gemäßigtes Klima unter den Floßfedern, in das ich untertauchen könnte. Welches herrliche, freie, weite Reich, worin wir Hai- und andere Fische neben einigen gestrandeten Weltteilen und Inseln, wovon die wenigsten schwimmen, leben ohne Blitz und Überschwemmung, ohne Dürre und Mißwachs und ohne Fischseuche! -

aus der vierten Fahrt:

Da der Wind mehr gerade ging als der Schub: so konnt' ich bald divergieren und bei einem Postmeister einkehren, dessen Sohn zu nichts taugt als zu seinem Sukzessor. Er ließ mich sein englisches Pferd im Stall besehen und betasten, das sich auf Hutabziehen, Totanstellen, Küssen, Verbeugen versteht. Ich setzt' ihn zu Rede, warum er nicht dem guten Vieh die Erziehung seines Sohnes anvertraue, damit dieser den Fuchs als seinen Ober-Hof- und Konduitenmeister und Schulfuchs ritte. Der Mann ist selber nicht weit her; sonst könnt' er das Kunst- und Musenpferd, das sich so allmählich tot anstellen kann, auch in die Tragödienproben des Pestitzer Theaters reiten, damit die Akteurs vom Fuchse sterben lernten, um zu leben.

aus der fünften Fahrt:

Morgen - das ist das einzige Erfreuliche - feiert in einer langen bürgerlichen, kanonischen, militärischen, adeligen Prozession Mülanz seine Belehnung mit der Stadtgerechtigkeit vor 100 Jahren. Da nun die Deutschen nichts Seelenloseres, Langweiligeres, Kälteres, Kanzleimäßigeres, Schlafröckigeres haben als - ihre Komparativen ausgenommen - ihre Jubiläen, Prozessionen, Krönungs- und andere Feierlichkeiten: so sitz' ich noch so spät in der Nachmitternacht, wo ich dieses schreibe, ein wenig auf und verfasse etwas Spöttisches, das ich, wenn ich morgen absichtlich durch mein publikes Ab- und Aufsegeln dem Jubel dazwischenkomme, auf den langen Zug herunterwerfen kann, adressiert an den Magistrat des Orts und lautend, wie folgt:



Flüchtiger Plan zu einem Jubiläum des Mülanzer Galgens

Eine Stadt und ein Galgen sind - nicht bloß topographisch - so nahe aneinander, daß alle Kriminalisten diesen nur für die fernste Pforte und Vorpost derselben ansehen; sein Pilaster-Dreizack ist die trinomische Wurzel der städtischen Sittlichkeit und bildet die drei Staatsinquisitoren, auf denen alles ruht.

aus der sechsten Fahrt:

Jetzt packte auf einmal eine seltsame Erscheinung mein ganzes Wesen an. Eine weiße flatternde Figur sprang den Berg herauf. Funfzehn Schritte von mir stand sie still. Die Augen waren geschlossen, das Haar schwarz, die Augenbraunen borstig, die Nase gebogen groß, die Arme haarig, die Bärenbrust unbedeckt und der - Nachtwandler im Hemde. Endlich faßt' er dieses am Hexentanzplatz wie eine Schürze mit beiden Händen und fing eine närrische Menuett mit sich selber an; er kehrte sich um, ein schwarzer Schlangenzopf wuchs lang hinab; er fuhr wieder herum und sprang und wollte zärtlich minaudieren. Mir wurd' er so verhaßt, daß ich ihn hätte hinunterwerfen mögen. Endlich rannt' er, die Arme emporgehoben, davon. Mich schauderte dieses tragisch-komische Konterfei und Fieberbild des Lebens und die äußere Nachäffung meiner Gedanken.

Aber ich konnte nun auf diesem wie ein Alb drückenden Berge nicht mehr dauern, sondern fuhr in meine Sänfte, schnitt sie los und schwamm ins weite lebendige Nachtmeer hinaus. - -

aus der siebten Fahrt:

Aber zwischen Himmel und Erde wurd' ich am einsamsten. Ganz allein wie das letzte Leben flog ich über die breite Begräbnisstätte der schlafenden Länder, durch das lange Totenhaus der Erde, wo man den Schlaf hinlegt und wartet, ob er keine Scheinleiche sei. Die großen Wolken, die unten aufeinanderfolgten, waren der kalte Atem eines bösen Geistes, der in der Finsternis versteckt lag. Ein Haß gegen alles Dasein kroch wie Fieberfrost an mir heran; ich sagte wieder: ich bin gewiß ein böser Geist. Da riß mich ein zweiter Sturm dem ersten weg und schleuderte mich über unbekannte entlaufende Länder fort.

aus der achten Fahrt:

Dieser Grimm behagte aber den Narren; sie schritten zum Protokoll und nahmen mich für einen zu nah aufstoßenden Hasen, den der Jäger erst auslaufen lässet, bevor er ihn anplätzt. Scharweber fragte lächelnd meinen Namen und Stand - ich nannte mich nur den Edelmann Giannozzo und beharrte dabei; »aber ich würde mir,« (sagt' ich) »wenn einer von ihnen stifts- und degenfähig wäre, ein wahres Vergnügen daraus machen, solchen zu erstechen.« Der Wecker des Protokolls rollte jetzt unverschämt ab, um meine Antworten ganz unbekümmert; antwortet' ich z. B., ich hätte von Fahlands Ein- oder Auskleidung bloß einen Steckbrief verfassen und diesen dem Intelligenzblatt vertrauen wollen: so fragte der Ratmann weiter: »an wen ich ferner meine gestohlnen Sachen gewöhnlich absetzte.«

aus der neunten Fahrt:

Jetzt ging der Luft-Kaper gegen die Festung Blasenstein zu; ich beschloß, die Besatzung zu alarmieren. Gerade über ihr setzt' ich mich tiefer in der windstillen Region fest; und blies den Marseiller Marsch herunter. Himmel! nun wurde das Reichsfriedensprotokoll, die Festung, ein Kriegsschauplatz - alles, was waffenfähig war, rückte ins Freie aus, und die Festung tat einen Ausfall in die Festung selber in völliger Bereitschaft, den Feind über sich nachdrücklich zu empfangen. Der Kommendant ließ mir durch ein Sprachrohr zurufen, mich der Festung Blasenstein nicht weiter zu nähern, sonst müss' er schießen lassen.

aus der zehnten Fahrt:

Mich dürstete nach dem Meer; und siehe, ein Sturm arbeitet jetzt draußen, der mich noch heute über seine Wüste führen kann.

aus der elften Fahrt:

In Norden dämmerte die Sonne hinter den Orkaden - rechts nebelten die Küsten der Menschen - als ein stilles, weites Land der Seelen stand das leere Meer unter dem leeren Himmel - vielleicht streiften Schiffe wie Wasservögel über die Fläche, aber sie liefen zu klein und weiß unter dem Schleier der Ferne - Erhabene Wüstenei! über dir schlägt das Herz größer! - Auch du gehst fort, bleiche Sonne, und als ein weißer Engel hinab ins stille Kloster der Eismauern des Pols und ziehest dein blühendes, auf den Wogen golden schwimmendes Brautgewand nach dir und hüllst dich ein! - Die Blasse im Rosenkleide! wo ist sie jetzt? Wird sie in ein warmes, reges Auge schimmern zwischen den Eisfeldern? - Ich schaue herab auf den finstern Winter der Welt! Wie stumm und unendlich ists da unten! Das allgewaltige fortgestreckte Ungeheuer regt sich in tausend Gliedern und runzelt sich, und nichts bleibt groß vor ihm als sein Vater, der Himmel! - Großer Sohn! führest du mich zum Vater, wenn ich einmal zu dir komme? -

aus der zwölften Fahrt:

Die Frau spielt auf der Bühne besser in einer Rolle, wo sie sich zu weinen stellt, als in einer, wo sie zu weinen hat.

*
Die Menschen verraten ihre Absichten nie leichter und stärker, als wenn sie sie verfehlen.

*
Der Scherz ist unerschöpflich, nicht der Ernst.

*
Dem sentimentalen Heuchler lasse nicht lange Reden zu, weil er sich durch diese erweichen will. Manche können nur weinen, wenn sie reden.
aus der dreizehnten Fahrt:

Jedes war an seinen Eigentümer als das schwarze Täfelein angeschlagen, das im Hauptspital zu Wien am Bette eines Kranken hängt und worauf dessen Klistiere, Zuckungen, Husten, Stühle und Durst verzeichnet sind! Der größere Teil davon gehörte noch dazu nicht zu den dienenden, sondern regierenden Brüdern, welche in irgendein Teilchen von diesem Weltteilchen ihren Kranken- und Fürstenstuhl eingesetzet haben. So wird regiert, der Krankenwärter vom Siechling, der Blinde vom Hunde, die Frau vom Manne. Denn seitdem die Weiber männlich, und die Männer weibisch werden, wie in Aachen Hirten-Mädchen pfeifen, die Knaben aber nur singen, seit dieser Dynastie regiert ein Weib beinahe sich selber mehr als einen Mann, weil List und Schwäche lieber befiehlt als Stärke und leichter beherrschet als Recht.

aus der vierzehnten Fahrt:

In meinem Innern ist aber noch schwüles Wetter von den peinlichen Träumen zurück, an denen ich die ganze Nacht wie auf heißer, schlüpfriger, zurückrieselnder Vesuvsasche mich vergeblich zu einer festen, ebenen Stelle hinaufarbeitete. So träumte mir, ein kohlenschwarzer Hahn stehe und kratze auf meiner blutigen Brust, um sich mein Herz auszuscharren. - Ferner, mein Posthörnchen schrie durch vier Träume hindurch wie lebendig und gepeinigt in den höchsten, schärfsten Tönen und glühte hellrot von einem heißen Atem, den ein Traum ganz leise »das stille Ding« nannte.



Aus Wunsiedel übrigens stammt auch mein Großvater Wilhelm Wirth, "oberfränkischer Wegbereiter der experimentellen Psychologie“. Das aber ist ein anderes Fundstück.




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