Vergessen: Christian Thomasius
Medienreformer, Aufklärer und und philosphischer Jurist
Neu entdeckt: Lehrer der Conduite



Christian Thomasius will den Wissenschaften die alten Zöpfe abschneiden, Aristoteles aus den Hörsälen und ganz besonders die Pfaffen von der weltlichen Macht vertreiben. Die Jurisprudenz will er vom römischen und kanonischen Recht befreien, daneben entwickelt er eine Wissenschaft, die Charaktere der Mitmenschen zu quantifizieren, macht naturwissenschaftliche Experimente und hält psychotherapeutische Sitzungen ab. Er kämpft gegen Vorurteile, Ketzermacherei, Hexenprozesse und Folter. Und: Leben ist nicht nur Pflichterfüllung, sondern muss auch Spaß machen!

Außerordentlich begabt, beginnt er mit 14 in seiner Heimatstadt Leipzig zu studieren, belegt Physik, Mathematik, Geschichte und Philosophie, worin er 1672 den Magister erwirbt. Bei seinem Vater, zu dessen Schüler Leibniz zählt, hat er eine umfassende Ausbildung erhalten.

Leipzig hat einen Ruf als Stadt des Handels, des Wissens und der Bücher, nie Residenz oder Bischofssitz, stets städtebürgerlich geprägt. 1501 hat es eine Wasserleitung, 1511 eine Lateinschule, 1519 disputieren auf der Pleißenburg Martin Luther und Johannes Eck, 1519 wird die Reformation eingeführt, Luther predigt in der Nikolaikirche, die knapp ein halbes Jahrtausend später am 9. Oktober 1989 ab 14 Uhr mit 600 SED-Mitarbeitern besetzt wird, und wo sich dennoch 70.000 DDR-Bürger zum Friedensgebet einfinden, dann zur Oper und zum Hauptbahnhof ziehen, und mit dieser Volkserhebung die Macht ihres Zwangsregimes brechen.
Von 1642 bis 1650 besetzen Schweden die Stadt. In letzterem Jahr erscheint hier als erste Tageszeitung der Welt die "Einkommenden Zeitungen".
In dieser Stadt wächst Christian Thomasius als Sohn von Jakob Thomasius, des Lehrers von Leibniz auf. Aus dem Bewußtsein der Gebildeten ist dieser bedeutende Mann weitgehend verschwunden, in gängigen Geschichtswerken erscheint er kaum, trotz seines lebenslangen Kampfes für die Freiheit des Denkens und seiner zahlreichen - über 300! - Werke.

Gut 2 Jahrzehnte vor der Geburt dieses Gelehrten erwirbt König Gustav Adolf sich im 30jährigen Krieg mit dem Sieg von Beitenfeld den Ruf als Retter des deutschen Protestantismus.
1631 setzen die Schweden in dieser Schlacht auf das beweglich geführte Gefecht, auf enges Zusammenwirken der verschiedenen Waffen und deren perfekte Technik. Ihre Pikeniere sind zugunsten der Musketiere reduziert, letztere mit leichten Gewehren ohne Stützgabel ausgerüstet, und leicht bewegliche Begleitgeschütze erhöhen die Feuerkraft: sie verschießen neben Kugeln auch Kartätschen und zerschlagen auf kürzeste Distanz die gegenerischen Formationen; schwere Artillerie verbleibt für massive Feuerzusammenfassungen bei der Reserve.
Tilly, der Feldherr des Kaisers, trifft mit 40.000 Mann auf das vereinigte schwedisch-sächsische Heer mit 47.000 Mann.
Bereits im Auftakt erweist sich die Feuerüberlegenheit der schwedischen Artillerie, die auf eine Salve der kaiserlichen Artillerie mit drei bis fünf antwortet. Der Reiterangriff Pappenheims auf dem rechten Flügel trifft auf die enge Abwehr von Artillerie, Infanterie und Kavallerie. Die schwedischen Musketiere schießen vor allem die Pferde nieder und ziehen sich dann in den Schutz der Pikeniere zurück.
Tilly greift den anderen Flügel der Protestanten an, die erst kürzlich angeworbenen sächsischen Truppen flüchten sich bis nach Eilenburg und Tilly stößt mit Infanterie und Kavallerie diagonal zum Frontverlauf in Richtung des wankenden gegnerischen Flügels in den Rücken der schwedischen Truppen nach. General Banér geht mit seinen Finnen, Smaländern, West- und Ostgotländern zum Gegenangriff über und versprengt Pappenheims Kürassiere in Richtung Halle. Die Hakkapeliitta, Gustavs finnische leichte Reiterei, erstürmt unter seiner persönlichen Führung zentrale Artilleriestellungen des Gegners. Tilly stürzt verwundet vom Pferd, kann sich erheben, verliert nach einer zweiten Verwundung das Bewusstsein, die einbrechenden Dunkelheit rettet den kaiserlichen Feldherren, mit gerade 600 Mann gelangt er nach Halle. Gefangene und Deserteure treten in großer Zahl in schwedische Dienste über, die 120 von den Schweden erbeutete Fahnen hängen noch heute in der Riddarholmskirche von Stockholm.

















Nach Erwerb des Magisters wendet sich der 1655 geborene Christian Thomasius, von dem hier die Rede ist, der Jurisprudenz zu. Üblicherweise studiert man sie im lutherisch-orthodoxen Wittenberg, Christian geht an die Viadrina im brandenburgischen Frankfurt, 1679 wird er zum Doktor utriusque juris promoviert (Tortura ex foris christianorum proscribenda). Ein Jahr später heiratet er und tritt in die Advokatur seiner Vaterstadt ein. Nebenher liest er an der Universität.
Sein gesamtes akademisches Leben lang hat der dicke Sachse mit der Allongeperücke gestritten.
1682 erster Affront der Orthodoxie: Thomasius tritt in seinen Institutiones jurisprudentiae divinae für die Trennung von Staat und Kirche ein. Hatte er bisher geglaubt, dass alle Sätze, die von den Theologen verteidigt würden, von jedem integeren Mann zu schützen seien, damit sie nicht von Ketztern angetastet würden, so habe er nun die Differenz zwischen Theologie und Philosophie einzusehen begonnen. Vieles werde von den Theologen vereinnahmt, was eigentlich zur Philosophie bzw. Jurisprudenz gehöre. Weil die Philosophen sich mit Aristoteles zufrieden gäben und die Juristen mit den Glossatoren, habe man den Theologen Zugriff auf den philosophischen und juristischen Bereich gewährt und damit die Macht. Incipiebam dispellere nebulas: Befreiung von Vorurteilen, Libertas philosophandi, um somit den Einfluß der Theologie auf die Jurisprudenz und auf die Philosophie zu brechen, und über alledem der Kampf gegen die weltliche Macht des Klerus: Wesentliche Elemente dessen, was sich Thomasius zur Lebensaufgabe gemacht hat, sind hier umrissen.
Thema seiner Vorlesung 1685: De crimine bigamiae, die er nach dem Naturrecht nicht für unzulässig hält. Er provoziert weiter: Statt im Talar doziert er als "Homme galant" in farbigem Modeanzug mit Kavaliersdegen und 1687 kündigt er erstmals eine in deutscher Sprache gehaltene Vorlesung an:
Welcher Gestalt man denen Frantzosen in gemeinem Leben und Wandel nachahmen solle? - die Alleinherrschaft der internationalen Gelehrtensprache Latein ist gebrochen.
Er wettert gegen Pedantismus, Scholastik, Orthodoxie, Buchstabenwissen und Geisteserstarrung, legt sich mit der gesamten Gelehrtenschaft Deutschlands an.
Und schließlich: Er gibt die Monatsgespräche heraus. Mit dieser zwischen 1688 und 1690 erscheinenden Monatsschrift - erste wissenschaftliche Zeitschrift in deutscher Sprache -Schertz- und Ernsthaffter, Vernünftiger und Einfältiger Gedancken über allerlei Lustige und Nützliche Bücher und Fragen begründet Christian Thomasius die deutschen Journalistik und das Feuilleton. Er greift die Heuchelei der Rechtgläubigen, den scholastisch überalterten Universitätsbetrieb und den fürstlichen Polizeistaat an, wird zum Todfeind der geistigen und politischen Elite seiner Vaterstadt. Ein Konsistorial-Reskript auf Betreiben der Geistlichkeit und seiner Juristenkollegen beendet die Tätigkeit des Hochschullehrers und Publizisten in Sachsen. Als Vorwand muss ein Gutachten herhalten, in dem Thomasius die reformiert-lutherische Mischehe zwischen Moritz Wilhelm von Zeitz mit einer brandenburgischen Prinzessin für einwandfrei erklärt.
Professorenkollegen fühlen sich durch Karikatur und Kritik persönlich angegriffen.
Als sich Dänemark vehement über die Zeitschrift beschwert, geht Thomasius nach Berlin. Friedrich III., Kurfürst von Brandenburg und späterer König in Preußen, beruft ihn nach Halle auf einen neugegründeten Lehrstuhl, was zugleich der Beginn der Universität Halle ist. Insbesondere durch ihn, Thomasius, erfährt sie enormen Aufschwung gegenüber Leipzig, läuft ihr sogar den Rang ab. Da hilft auch die Warnung der Orthodoxen nichts: „Halam tendis, aut pietista aut atheista mox reversus“ (Wer nach Halle geht, wird binnen kurzem als Pietist oder Atheist zurückkehren). Genau diese Freiheit der Lehre macht Halle für Studenten so anziehend, was sich in beträchtlichen Zahlen ausdrückt. 1500 Studenten jährlich kann keine andere deutsche Hochschule aufweisen.
Sein philosophisches und rechtswissenschaftliches Credo formuliert er in dem Fundamentum iuris naturae et gentium.
Bis 1725 lehrt Christian Thomasius Jurisprudenz, als einer der ersten "Aufklärer" im deutschen Sprachraum. Stets vertritt er die Auffassung, dass eigene Einsicht an die Stelle der Autoritäten treten müsse, immer müssten Vorurteile überprüft werden: Einleitung zu der Vernunfft=Lehre, worinnen durch eine leichte und allen vernünfftigen Menschen, waserley Standes oder Geschlechte sie seyen, verständige Manier der Weg gezeigt wird, ohne die Syllogistica das wahre, wahrscheinliche und falsche von einander zu entscheiden, und neue Wahrheiten zu erfinden; Außübung der Vernunfft=Lehre, oder kurze, deutliche und wohlbegründete Handgriffe, wie man in seinen Kopffe aufräumen und sich zu Erforschung der Wahrheit geschickt machen; die erkandte Wahrheit andern beybringen; andere verstehen und auslegen; von anderer ihren Meinungen urtheilen, und die Irrthümer geschicklich widerlegen solle. Worinnen allenthalben viel allgemeine heut zu Tage in Schwang gehende Irrthümer angezeiget und deutlich beantwortet werden.

















1694 erstattet er in einem Halleschen Hexenprozeß ein Gutachten, dessen Plädoyer für die mildeste Form der Folter durch Freispruch aufgehoben wird, immer entschiedener tritt er gegen solche unmenschlichen Verfahren ein. Thomasius bezeichnet Folter als Schmach christlicher Staaten. Er stellt den Glauben an den Teufel in Frage, entzieht damit dem Hexenwahn, der auf der Vorstellung des Teufelspaktes beruht, die Grundlage. 1728 wird in Preußen die letzte Hexe verbrannt. Friedrich der Große in "Geschichte meiner Zeit": Er machte die Richter und den Hexenprozess lächerlich, er lenkte die öffentliche Aufmerksamkeit auf die körperlichen und natürlichen Ursachen der Dinge und eiferte so stark, daß sie sich schämten, derartige Prozesse fortzusetzen; seitdem kann das schöne Geschlecht in Frieden altern und sterben. Der König von Preußen schafft 1740 Hexenprozeß und Folter ab.
Thomasius entwirft eigene ethischen Ansätze (Von der Kunst Vernünfftig und Tugendhaft zu lieben. Als dem eintzigen Mittel zu einem glückseligen/galanten und vergnügten Leben zu gelangen/Oder Einleitung zur SittenLehre und in der Schrift Von der Artzeney Wider die unvernünfftige Liebe und der zuvor nöthigen Erkäntnüß Sein Selbst. Oder: Ausübung der Sittenlehre erläutert er, die unvernünftige Liebe sei der Ursprung des Bösen. Thomasius formuliert die Theorie der Leidenschaften, die diese als Urtriebe des menschlichen Handelns aufzeigt (Ehrgeiz, Wollust, Geldgeiz). Ihr resignatives Ende: Menschliche Leidenschaften können nicht beherrscht werden; die Sittenlehre vermag nur das Elend und das Unvermögen des Menschen zu erkennen.
Als die unterschiedlichen Auffassungen eskalieren, muss Thomasius seine Vorlesungen auf Anordnung des Königs auf das Gebiet der Jurisprudenz beschränken. Dennoch wird der "Vater der Aufklärung" Direktor der Universität und mit Übernahme der Professur für Kirchenrecht ranghöchstes Fakultätsmitglied.
Im Alter von 73 Jahren, seinem unorthodoxen und innovativen Denken zeitlebens treu geblieben, stirbt er. Prof. Dr. jur. Christian Thomasius ist in Halle begraben.
Seiner Ehefrau hat er ein literarisches Denkmal in seiner Schrift Gespräch vom Simultaneo gesetzt.

Thomasius neu entdeckt: Lehrer der Conduite
Charistian Thomasius entwickelt sein Anstandskonzept am autobiografischen Erkenntnisprozess. Er verbindet Offenheit gegenüber neuen Lebenserfahrungen mit dem Mut zur Revision eigener Positionen. Aufklärung läuft für den Aufklärer in der Doktrin wie im Leben wesentlich auf Selbstaufklärung hinaus. Der Leipziger Dozent beginnt mit der galanten Orientierung am höfischen Umgang und entwickelt in Auseinandersetzung mit Kritikern und im Kontext sozialer Umorientierungen an der Universität Halle ein standeseigenes Decorumbewusstsein. 1689 besteht es für ihn noch in der Übereinstimung des menschlichen Thun und Lassens mit dem Thun und Lassen solcher Personen, die für etwas sonderliches in der menschlichen Gesellschaft aestimiret werden. In den Cautelen der Rechts-Gelahrheit verwirft der Rektor der "Fridericiana" 1710 ausdrücklich die Regel, daß alle Menschen das Decorum eines Standes nachahmen sollen. Und im im Alter empfiehlt Thomasius die Heilige Schrift als Weisheitsbuch, das die Grundregeln der wahren irdischen Glückseligkeit sowie der Pflichten und Rechte aller Stände vermittelt.


Auf Betreiben des Kurfürsten Friedrich III. von Brandenburg, späterer König Friedrich I. in Preußen entsteht im südlichen Herzogtum Magdeburg eine neue Universität. Die Ritterakademie in Halle reicht für die Bedürfnisse dieser aufstrebenden Stadt nicht mehr aus. Die Höfe Dresden und Wien sind dagegen, aber 1694 ist es so weit: Kaiser Leopold I. weiht die alma mater hallensis am 1. Juli ein. Der herausragende, an der Gründung beteiligten Rechtsgelehrte und Philosoph Christian Thomasius wird erster Prorektor und durch seine Vorlesungen und Schriften die hallesche Universität zum Ausgangspunkt der deutschen Aufklärung.
Größere Investitionen verdankt die Universität den Reparationen des Krieges 1870/71, etwa neue Universitätskliniken und die heutige Universitäts- und Landesbibliothek. In der Studentenfrequenz steht Halle aber immer hinter Berlin, Leipzig und München zurück, Halle ist Durchgangsuniversität: Wegen begrenzter finanzieller Ressourcen werden hier vergleichsweise junge, talentierte Forscher berufen, die dann nach Berlin, Leipzig, Bonn, Mainz, Göttingen oder München wechseln.
Seit 1933 trägt die Universität Halle-Wittenberg den Namen des berühmten Reformators Martin Luther. In der Weimarer Republik gilt Halle als reaktionär, in der Nazizeit verfestigt sich Halles Ruf als „akademisches Workuta“, mehr als ein Dutzend Professoren und Dozenten werden wegen jüdischer Abstammung oder Ehefrauen, politischem Engagement für die Sozialdemokratie oder Homosexualität entlassen. Chemiker, Physiker, Geologen und Landwirtschaftswissenschaftler engagieren sich in der Kriegswirtschaft, drei Mediziner beteiligten sich an Massenmorden oder Menschenexperimenten. Ein Professor aber gehört zu den Verschwörern des 20. Juli 1944, ein Ehrensenator wird wegen seiner Beteiligung hieran hingerichtet.
Nach 1945 ist die Universität stalinistischen Säuberungen ausgesetzt: Studenten und Mitarbeiter verschwinden, einigen von ihnen - etwa dem Jura-Studenten Hans-Dietrich Genscher - gelingt die Flucht in letzter Minute in den Westen.
Die obligatorische politische Indoktrinierung der Studenten und Mitarbeiter betreibt die "Sektion für Marxismus-Leninismus" bis 1990.
Die heutige Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU) ist 1817 aus der älteren Leucorea in Wittenberg und der jüngeren 1694 in Halle gegründeten, entstanden.

Kein geringerer als Ernst Bloch hat über Thomasius geschrieben:
Ein aufrechter, bürgerlicher Mann ohne Furcht und leidlich ohne Tadel, der mit großartiger, nämlich so natürlicher wie optimistischer Wendung das Streben nach Glück als Grundzug der Menschennatur bestimmt hat und mit männlicher Glückspredigt die Karriere des Glücks in der deutschen Aufklärung eröffnete ...

Und in Leipzig findet sich ein Thomasius-Club, wo es monatliche Gespräche über Bücher und Wissenschaft gibt.