August Graf von Platen-Hallermünde:
Dichterkrieg des Homosexuellen mit dem Juden Heine





In Ansbach vor dem Schloß steht er. Wer auf dem Denkmalssockel liest, wo er starb, wundert sich: Syracus? Meist aber schenken Passanten mehr Aufmerksamkeit dem seltsam anmutenden Ensemble aus Wartehäuschenflugenten, Ansbachantin und Pferdegestalt, die in Erinnerung an den Kavalleriestandort den Platz beherrscht.
Wegen seiner homosexuellen Veranlagung selbst Außenseiter, treibt der in Metall Gegossene - das Erz hierzu stiftete König Ludwig - einen anderen Ausgegrenzten ebenfalls in die Emigration, der sich vergeblich zu assimilieren suchte.





August
Graf v. Platen
Hallermünde
geboren in Ansbach
XXIV. October
MDCCXCVI
gestorben
in Syracus
V. Dezember
MDCCCXXXV

Sein Vater ist Förster zu Ansbach, der nicht ganz 10jährige Sohn erhält durch Beziehung eine Freistelle an der Kadettenschule zu München, einer Erziehungsanstalt für Edelknaben, nach vier Jahren wird er Page im bayerischen Königshaushalt, 1814 Unterleutnant in der Leibgarde, dann Student ohne Abschluß und endlich Dichter.
Seine Tagebucheintragungen, meist in Französich, zeugen von intensiven homoerotischen Gefühlen und vielen Beziehungen, unter denen illustre Namen auftauchen, wie etwa Justus von Liebig, Friedrich Fugger, Otto von Bülow... Den jeweils schwärmerisch Angebeteten, mehr noch ihrer Verabschiedung nach kürzerer Zeit, sind die aktuellen literarischen Werke gewidmet. Der aus verarmtem Adel stammende Graf will in Drama und Poesie Großes und Überdauerndes schöpfen. Nach Kontakt mit persischer Literatur veröffentlicht er Ghaselen.



Diese Gedichte sind Ausgangspunkt einer der schlimmsten Schlammschlachten deutscher Schriftsteller, die Platen von Italien aus führt, wo er im Tagebuch von der Schönheit männlicher Einheimischer schwärmt, und enge Beziehung mit einem deutschen Autor pflegt. Immermann und Heine karikieren Platens klassizistischen Stilwillen, nennen ihn epigonenhaft.
      Von den Früchten, die sie aus dem Gartenhain von Schiras stehlen,
      Essen sie zuviel, die Armen, und vomieren dann Gaselen.

(Reisebilder (Die Nordsee, 1826) Zweiter Teil).
Im Klartext: Platen überfresse sich in fremden Gärten und kotze dann schlechte Lyrik aus.

Man liest in Platens Romantischem Ödipus, dem aristophanischen Lustspiel von 1827:




mein Heine, Samen Abrahams.
Nimmermann: Welch einen Anlauf nimmst du, Synagogenstolz!
des sterblichen Geschlechts der Menschen Allerunverschämtester.
doch möcht' ich nicht sein Liebchen sein; Denn seine Küsse sondern ab Knoblauchsgeruch.

Zutiefst getroffen fühlt sich Heinrich Heine, ehemals Harry Heine, bankrotter Tuchhändler und Jude. Religiös eher indifferent wollte er das „Entreebillet zur europäischen Kultur“ und hatte sich taufen lassen - was er später übrigens bedauerte.
Und so liest sich Heines Gegenangriff (Reisebilder Dritter Teil Italien II. Die Bäder von Lucca 1829):



Wer ist Platen? ... lobten besonders seine Zuvorkommenheit gegen Jüngere, bei denen er die Bescheidenheit selbst gewesen sei, indem er mit der liebreichsten Demut ihre Erlaubnis erbeten, dann und wann zu ihnen aufs Zimmer kommen zu dürfen, und sogar die Gutmütigkeit so weit getrieben habe, immer wieder zu kommen, selbst wenn man ihn die Lästigkeit seiner Visiten aufs deutlichste merken lassen. ...
Vergebens versicherte der arme Graf, daß er einst der berühmteste Dichter werde, ... daß er seine süßen Knaben ebenfalls unsterblich machen könne, durch unvergängliche Gedichte.
Das ist es ja eben, jene Liebhaberei war im Altertum nicht in Widerspruch mit den Sitten, und gab sich kund mit heroischer Öffentlichkeit. Als z. B. der Kaiser Nero ... ein Gastmahl hielt, ... ließ er sich mit einem aus dem Jünglingsserail, namens Pythagoras, feierlich einsegnen (cuncta denique spectata quae etiam in femina nox operit), und steckte nachher mit der Hochzeitsfackel die Stadt Rom in Brand, um bei den prasselnden Flammen desto besser den Untergang Trojas

Das Fräulein stand am Meere
und seufzte lang und bang.
Es rührte sie so sehre
der Sonnenuntergang.

Mein Fräulein! Sein sie munter,
das ist ein altes Stück;
hier vorne geht sie unter
und kehrt von hinten zurück.

Heine

Du scheust, mit mir allein zu sein,
Du bist so schroff:
Gibt nicht der Liebe Lust und Pein
Zum Reden Stoff?

Wo nicht, was gilt der Lieb' ein Wo,
Ein Wie, ein Was?
Zu lieben und zu schweigen, o
Wie lieb ich das!

Ich schweige, weil so kalt du scheinst,
Und unerweicht.
Mein Auge spricht, es spricht dereinst
Mein Kuß vielleicht.

Platen



besingen zu können.
Das war noch ein Gaselendichter, über den ich mit Pathos sprechen könnte; doch nur lächeln kann ich über den neuen Pythagoreer, der im heutigen Rom, die Pfade der Freundschaft dürftig und nüchtern und ängstlich dahinschleicht, mit seinem hellen Gesichte von liebloser Jugend abgewiesen wird, und nachher bei kümmerlichem Öllämpchen sein Gaselchen ausseufzt.



Denn der Graf vermummt sich manchmal in fromme Gefühle, er vermeidet die genaueren Geschlechtsbezeichnungen; nur die Eingeweihten sollen klarsehen; gegen den großen Haufen glaubt er sich genugsam versteckt zu haben, wenn er das Wort Freund manchmal ausläßt, und es geht ihm dann wie dem Vogel Strauß, der sich hinlänglich verborgen glaubt, wenn er den Kopf in den Sand gesteckt, so daß nur der Steiß sichtbar bleibt. Unser erlauchter Vogel hätte besser getan, wenn er den Steiß in den Sand versteckt und uns den Kopf gezeigt hätte.
... er ist gleichsam eine männliche Tribade. Diese ängstlich schmiegsame Natur duckt durch alle seine Liebesgedichte, er findet immer einen neuen Schönheitsfreund, überall in diesen Gedichten sehen wir Polyandrie.



Auch andere erzählten mir, daß mich der Graf Platen hasse und sich mir als Feind entgegenstelle; - und das war mir auf jeden Fall angenehmer, als hätte man mir nachgesagt: daß mich der Graf Platen als Freund hinter meinem Rücken liebe.
zwei Monate später, als ich auf der Insel Helgoland badete, den »König Ödipus« zu lesen, ... ganz wie er ist, forciert ohne Force, pikiert ohne pikant zu sein, eine trockne Wasserseele, ein trister Freudenjunge. Dieser Troubadour des Jammers, geschwächt an Leib und Seele, versuchte es, den gewaltigsten, phantasiereichsten und witzigsten Dichter der jugendlichen Griechenwelt nachzuahmen! Nichts ist wahrlich widerwärtiger als diese krampfhafte Ohnmacht, die sich wie Kühnheit aufblasen möchte, diese mühsam zusammengetragenen Invektiven, denen der Schimmel des verjährten Grolls anklebt, und dieser silbenstecherisch ängstlich nachgeahmte Geistestaumel.

Es sei gesegnet, wer die Welt verachtet,
Denn falscher ist sie, als es Worte malen:
Sie sammelt grausam unsern Schmerz in Schalen,
Und reicht zum Trunk sie, wenn wir halb verschmachtet.

Mir, den als Werkzeug immer sie betrachtet,
Mir preßt Gesang sie aus mit tausend Qualen,
Läßt ihn vielleicht durch ferne Zeiten strahlen,
Ich aber werd als Opfertier geschlachtet.

O ihr, die ihr beneidetet mein Leben,
Und meinen glücklichen Beruf erhobet,
Wie könnt in Irrtum ihr so lange schweben?

Hätt' ich nicht jedes Gift der Welt erprobet,
Nie hätt' ich ganz dem Himmel mich ergeben,
Und nie vollendet, was ihr liebt und lobet.

Platen

Unser Grab erwärmt der Ruhm.
Torenworte! Narrentum!
Eine bessre Wärme gibt
eine Kuhmagd, die verliebt
uns mit dicken Lippen küsst
und beträchtlich riecht nach Mist

Heine



Er hätte wenigstens das Geschlecht in uns ehren sollen, da wir keine Weiber sind, sondern Männer, und folglich zu einem Geschlechte gehören, das nach seiner Meinung das schöne Geschlecht ist, und das er so sehr liebt. Es bleibt dieses immer ein Mangel an Delikatesse, mancher Jüngling wird deshalb an seinen Huldigungen zweifeln, da jeder fühlt, daß der wahrhaft Liebende auch das ganze Geschlecht verehrt.
Am unzartesten ist er gegen Immermann. Schon im Anfang seines Gedichts, läßt er diesen hinter einer spanischen Wand Dinge tun, die ich nicht nennen darf, und die dennoch nicht zu widerlegen sind. Ich halte es sogar für wahrscheinlich, daß Immermann schon solche Dinge getan hat. Es ist aber charakteristisch, daß die Phantasie des Grafen Platen sogar seine Feinde a posteriori zu belauschen weiß.



Den Ödipus selbst, die Hauptperson seines Lustspiels, hätte er, durch einige Modifikationen in der Fabel des Stückes, ebenfalls besser benutzen können. Statt daß er ihn den Vater Lajus töten, und die Mutter Jokaste heiraten ließ, hätte er es im Gegenteil so einrichten sollen, daß Ödipus seine Mutter tötet und seinen Vater heiratet.


Platens Homosexualität und Heines Judentum sind nun publik, beide gesellschaftlich unmöglich gemacht. Platen wollte seinen Konkurrenten bloß stellen, Heine rächte sich.

In unserer Zeit lesen wir vom Tod eines Großkritikers in ähnlicher Tonlage.

Sind da aber "Samen Abrahams", "Synagogenstolz", "hebräischer Witzling", "des sterblichen Geschlechts Allerunverschämtester", "Knoblauchsgeruch" ,"verstümmeltes Teil", angemessen, um jüdische Abkunft dem Gelächter preiszugeben, ist es der Kunst gestattet, den gleichaltrigen Kollegen wegen seiner Homosexualität einen warmen Bruder zu nennen und Anspielungen auf seine Analsphäre zu machen?



Zwei Verfemte, die Tabus brechen, geben sich dem Spott und der Ächtung einer von Toleranz weit entfernten zeitgenössischen Gesellschaft frei.

Heine bemüht sich vergeblich um Aufnahme in den Staatsdienst oder eine Professur in München, nicht zuletzt wegen der "Platenaffäre" scheitert er, emigriert nach Paris, stirbt 1856.

Platens Schicksal war die Männerfreundschaft und Knabenliebe. Er suchte Adonis, ohne ihn zu finden. Seiner inbrünstigen Sehnsucht nach einem Echo seines Herzens verdanken wir die schönsten deutschen Sonette. In Syrakus ist er gestorben, vielleicht, wie er einst sang, im Arme des endlich gefundenen Götterjünglings. (Klabund)

Auch er erholt sich vom Schlagabtausch nie mehr richtig. Er vergreist früh, wird von Melancholie und Hämorrhoiden geplagt, reist aus Angst vor Einsamkeit manisch, das Spätwerk ist von Ernüchterung geprägt, leblos wirkend. Aus Furcht vor der Cholera flieht er von Neapel über Palermo nach Syrakus, wo Karl August Georg Maximilian Graf von Platen-Hallermünde in den Armen des Marchese Mario Landolina an der tödlichen Dosis eines Gegengiftes zur Cholera stirbt, ungeklärt, ob in suizidaler Absicht oder an falscher Selbstmedikation, 2 Jahrzehnte vor Heine.



Gedanken des Künstlers der Pferdeplastik, 150 Jahre später:
Sie, die Zugpferde der geprüften Demokratie und des toleranten Pluralismus, sind metallisch, kalt und golden warm zugleich. Sie sind weder Pferd noch Fleisch - Skulptur und Architektur in einem - ein Riesenmonument der stillen Mahnung, ein geistreiches Spielzeug der lauten Lust am Aufbau einer humanen Welt.

Goertz hat nicht weit von hier einen überlebensgroßen, einem Untier ähnelnden Hasen geschaffen. Aber das ist ein anderes Fundstück...