Hesselberg: Braune Prediger





JS wollte predigen. Er trat aus dem Bierzelt hinaus ins Freie, und viele hundert Volksgenossen folgten ihm. Sie ließen sich am Berghang nieder. JS stieg in den Wagen und sprach.
Nicht von Jesus und der Bergpredigt wird erzählt, sondern die Sprache der Bibel entweiht Pfarrer Heinz Preiß, der den Auftritt des Julius Streicher auf "seinem heiligen Berg" schildert. Der Hohepriester der menschenvernichtenden Idelologie, blutig-perverser Zar Frankens, wütendster und wüstester Antisemit des Jahrhunderts, entdeckt den "heiligen Berg der Franken" für die Nazis, Adolf Hitler selbst spricht ihn heilig. 18 Jahre später lassen die Richter der Alliierten den Gauleiter, der mit Stolz sein Prädikat 'größter Antisemit aller Zeiten' trägt, als Hauptkriegsverbrecher hängen, Preiß, Herausgeber seiner Reden, lange vorher seines kirchlichen Amtes enthoben. 1945 ist jedes jüdische Leben rund um den Berg getilgt.



Von dem knapp 700 Meter hohen Berg, dem einzigen, von dessen Gipfel Franken manchmal die Zugspitze sehen, ist in Deutschlands Historie seiner dunkelsten Zeit wenig dokumentiert, obwohl er zu den wichtigsten Schauplätzen Nazi-Deutschlands zählt. Auf dem beliebten Fliegerberg erschafft Hitler die Reichs-Segelflugschule Hesselberg im Frankenland, eine Einrichtung im NS-Fliegerkorps, um Pilotennachwuchs heranzuziehen. Die begradigten Straßen zum Berg fallen noch heute ins Auge, der Weg hinauf heißt damals "Hermann-Göring-Straße". Die braune Diktatur läßt riesige Embleme in Stein hauen: Den Ortsausgang des Dorfes Gerolfingen bewacht ein Hoheitsadler, 20 Meter hoch ist das Hakenkreuz beim Röckinger Steinbruch. Den Bahnhof Wassertrüdingen richten die Nazis für Massenankünfte ein, Pläne für eine Adolf-Hitler-Schule sind erstellt, sie ist auf dem Vogelsberg ausgelagert. Später kommt ein Lager für deportierte Slowenen hinzu.



Vor 200 Millionen Jahren liegt die Region am Jurameer, das vom Nordseebecken bis weit in den Süden sich dehnt. Leitfossilien aus dieser Zeit bestimmen die Epochen, das Meer verlandet. Die windgeschützte Muldenlage läßt den Berg als Schwarzjurainsel entstehen. Vor Jahrtausenden hinterlassen Jäger und Sammler in der Gegend zwischen Wörnitz und Altmühl Fundstücke. Während der Jungsteinsteinzeit legen erstmals seßhafte Bauern im fruchtbaren Tal Siedlungen an, später die Kelten eine Höhenfestung, dann kommen die Römer, der Limes, die Nordgrenze ihrer Provinz Raetia secunda, verläuft am Fuße des Berges, die Entdeckung einer riesigen Kasernenanlage ganz in der Nähe ist eine archäologische Sensation. Bis vor kurzem hat das US-Militär eine Radarstation dort oben.



Nun ist er fromm geworden, der Hesselberg sagen die Leute der Gegend.
Nicht, wie ein Nürnberger beim Aufsatzwettbewerb der 'Fränkischen Tageszeitung' damals schreibt, weil der Frankentag für viele Volksgenossen den Charakter eines Gottesdienstes habe, wo JS als gewaltiger Prediger des Christentums der Tat auftrete, der dort oben den Bau seines Mausoleums, eine kreisrunde Halle mit Glaskuppel, 120 Meter im Schnitt, plant. Sondern weil heute am Berghang Zweckbauten dominieren, Kristallisationspunkt der bayerischen Lutheraner, das Bildungwerk der evangelischen Kirche. Von hier aus, wo der Same des Hasses mit so fürchterlichem Erfolg gestreut wordenist, soll künftig Gutes und Segensreiches ausgehen. Anstelle der Adolf-Hitler-Schule des Todes soll eine vom Glauben getragene Schule des Lebens stehen. Statt der Frankentage finden Kirchentage statt.



JS, Prophet des Führers spricht und denkt mit religiöser Inbrunst, neben den Juden sind die Kirchen Zielscheiben seiner Agitation: Wir sind jetzt viel näher bei Gott, als wenn ihr unten hineingeht in ein dumpfes Haus, wo ihr umgeben seid mit Heiligen, die aus einem anderen Volk kommen... Nehmt von diesem heiligen Berg die Erkenntnis mit ins Tal, daß an all unserem Unglück der Weltjude schuld ist ... Wieviele Geistliche sind wohl unter den Zehntausenden emphatisch Beifall klatschender Zuhörer? Franken unter sich? Bei den Nürnberer Reichsparteitagen nicht weit vom Berg steht der braune Messias Hitler im Mittelpunkt, sein Prophet JS in der zweiten Reihe.



Thomas Greif: Zum »Frankentag« eröffnete die Reichspost ein Sonderpostamt auf dem Berg und gab Sonderstempel aus. Künstler buhlten in Malwettbewerben um die Gunst des Gauleiters, Komponisten schrieben Hesselbergmusiken für 100 Blechbläser und Orgel, Hobbydichter schmiedeten Verse wie diese:
Sieh, auf des Hesselbergs Höhn
Erstrahlet ein Feuerzeichen.
Sie rufen in fränkische Lande hinein:
Die Nacht muß dem Tage weichen!
Auf, Deutschland, du schönes, du heiliges Land
Erwache zu neuem Leben
Dem Führer, den dir der Höchste gesandt
Ihm folge durch Sterben und Leben.



Der Laienarchäologe Hermann Hornung gräbt in Streichers Auftrag nach Zeugnissen der germanischen Vergangenheit - und wird selbstverständlich fündig. SS-Ehrenwachen postieren sich fortan am Grab jener alemannischen Heldenjünglinge, die im germanischen Aufbegehren gegen die römische Besatzungsmacht gefallen sind. Die ungarischen Pfeilspitzen, die in den Skeletten stecken und relativ problemlos ins Jahr 950 hätten datiert werden können, übersieht Hornung - oder will sie übersehen.




Kultstätte ist der Hesselberg seit jeher. Sonnwendplatz der Germanen, aufständische Bauern versammeln sich, um in Wassertrüdingen den markgräflichen Vogt gefangen zu nehmen, der unerträgliche Frohn aufbürdet, dann plündert der Haufen Kloster Auhausen, bis markgräfliche Soldateska die Bauern fängt und tötet, für kurze Zeit preußisch, besteigt 1803 Friedrich Wilhelm III. den Gipfel und stiftet die Hesselbergmesse, die Wiege der fränkischen Segelfliegerei steht hier, Ballonfahrer starten und landen, Drachenflieger, Drohnen, Gleitschirme und Funkwellen umschwirren den Berg, als sei nichts gewesen, am Nordhang ein Skilift, Tontaubenschützen verseuchen die Gegend mit Blei, seit 2005 trägt der Berg das Gütesiegel Bayerns schönste Geotope.



Ein Vulkan schwele, raunen sich Anlieger des eigentümlichen Berges zu, tief unterirdisch; nicht die einzige der Legenden vom Hesselberg. Sie erzählen vom Schönen Heinrich, vom Drudental zwischen Schlössleinsbuck und Röckinger Berg, vom Teufelsloch mit seiner verschütteten Höhle, einer geheimnisvollen Verbindung zum Dillenberg und von viel Unheimlichem mehr.



Jeder, der im Gau Franken etwas hält auf sich, nimmt teil an den Sonnwendfeiern mit Turnübungen und den streicherschen Hetztiraden. Auch ein Landesbischof. Als Göring, der nicht nur einmal spricht, das Geschwätz der zänkischen Pfaffen verächtlich abtut, fühlt sich unser sonst stramm antisemitisch gesonnene Bischof Meiser getroffen, er remonstriert. Den Namen des Bischofs tragen übrigens heute einige Straßen in fränkischen Städten. Aber das ist ein anderes Fundstück...