Gescheiterte


Werner Tübke:
Bauernkriegspanorama in Bad Frankenhausen


Wer zwischen Göttingen, Weimar und Leipzig beim Kyffhäuser unterwegs ist, stößt überall auf Wegzeiger, die ihn zum Panorama Museum leiten, einem eigenartigen Gebäudekomplex, geprägt von dem etwa 20 Meter hohen zylindrischen Rundbau auf dem Schlachtberg.

Der Berg ist getränkt vom Blut aufständischer Bauern.
Auf diesem Berg steht 1525 ihr resignierender Führer, ein Prediger, der sie zu dem ungleichen Kampf ermutigt, umringt von den Bauern, unmittelbar bevor gedungene Söldnerhaufen sie niedermetzeln, bezahlt vom weltichen und geistlichen Feudalherrenadel, aus deren Leibeigenschaft sie sich befreien wollten.
Ihr Führer hat seine Fahne mit dem Regenbogen schon gesenkt ...


Die "Schlacht bei Frankenhausen" während des Bauernkriegs wird als eine seiner wichtigsten bezeichnet, und war seine letzte, ist aber in Wahrheit nichts anderes als der illegale Überfall der Fürstenheere auf das Lager der ahnungslosen und vollkommen Überaschten und die Abschlachtung von fünf- bis sechstausend unzulänglich bewaffneten Bauern.

Ende April 1525 sammeln sich zahlreiche Bauern um Frankenhausen – in der Stadt kommt es zu einer Erhebung, an der weit über die Hälfte des Kleinbürgertums, die meisten Salzarbeiter und einfachen Leute und fast die Hälfte der Pfänner beteiligt sind. Die Zusage Müntzers, mit dem bei Mühlhausen liegenden Haufen - zu diesem Zeitpunkt etwa 10.000 Mann aus 370 Städten und Dörfern - nach Frankenhausen zu ziehen, aktiviert die Aufständischen, denen sich am nächsten Tag auch die vor der Stadt lagernden Bauern anschließen. Sie besetzen das Rathaus, stürzen den Rat, stürmen Schloss Frankenhausen und das Nonnenkloster St. Georgii, vernichten Urkunden, Schuldbriefe und das Stadtsiegel.

Die Aufständischen stellen ihre Forderungen in 14 Artikeln auf, angelehnt an die 12 schwäbischen Artikel.


12 Schwäbische Artikel

  1. Jede Gemeinde soll das Recht haben, ihren Pfarrer zu wählen und ihn zu entsetzen (abzusetzen), wenn er sich ungebührlich verhält. Der Pfarrer soll das Evangelium lauter und klar ohne allen menschlichen Zusatz predigen, da in der Schrift steht, dass wir allein durch den wahren Glauben zu Gott kommen können.
  2. Von dem großen Zehnten sollen die Pfarrer besoldet werden. Ein etwaiger Überschuss soll für die Dorfarmut und die Entrichtung der Kriegssteuer verwandt werden. Der kleine Zehnt soll abgetan (aufgegeben) werden, da er von Menschen erdichtet ist, denn Gott der Herr hat das Vieh dem Menschen frei erschaffen.
  3. Ist der Brauch bisher gewesen, dass man uns für Eigenleute (Leibeigene) gehalten hat, welches zu Erbarmen ist, angesehen dass uns Christus alle mit seinen kostbarlichen Blutvergießen erlöst und erkauft hat, den Hirten gleich wie den Höchsten, keinen ausgenommen. Darum erfindet sich mit der Schrift, dass wir frei sind und sein wollen.
  4. Ist es unbrüderlich und dem Wort Gottes nicht gemäß, dass der arme Mann nicht Gewalt hat, Wildbret, Geflügel und Fische zu fangen. Denn als Gott der Herr den Menschen erschuf, hat er ihm Gewalt über alle Tiere, den Vogel in der Luft und den Fisch im Wasser gegeben.
  5. Haben sich die Herrschaften die Hölzer (Wälder) alleine angeeignet. Wenn der arme Mann etwas bedarf, muss er es um das doppelte Geld kaufen. Es sollen daher alle Hölzer, die nicht erkauft sind (gemeint sind ehemalige Gemeindewälder, die sich viele Herrscher angeeignet hatten) der Gemeinde wieder heimfallen (zurückgegeben werden), damit jeder seinen Bedarf an Bau- und Brennholz daraus decken kann.
  6. Soll man der Dienste (Frondienste) wegen, welche von Tag zu Tag gemehrt werden und täglich zunehmen, ein ziemliches Einsehen haben (sie ziemlich reduzieren), wie unsere Eltern gedient haben, allein nach Laut des Wortes Gottes.
  7. Soll die Herrschaft den Bauern die Dienste nicht über das bei der Verleihung festgesetzte Maß hinaus erhöhen. (Eine Anhebung der Fron ohne Vereinbarung war durchaus üblich.)
  8. Können viele Güter die Gült (Pachtabgabe) nicht ertragen. Ehrbare Leute sollen diese Güter besichtigen und die Gült nach Billigkeit neu festsetzen, damit der Bauer seine Arbeit nicht umsonst tue, denn ein jeglicher Tagwerker ist seines Lohnes würdig.
  9. Werden der große Frevel (Gerichtsbußen) wegen stets neue Satzungen gemacht. Man straft nicht nach Gestalt der Sache, sondern nach Belieben (Erhöhungen von Strafen und Willkür bei der Verurteilung waren üblich). Ist unsere Meinung, uns bei alter geschriebener Strafe zu strafen, darnach die Sache gehandelt ist, und nicht nach Gunst.
  10. Haben etliche sich Wiesen und Äcker, die einer Gemeinde zugehören (Gemeindeland, das ursprünglich allen Mitgliedern zur Verfügung stand), angeeignet. Die wollen wir wieder zu unseren gemeinen Händen nehmen.
  11. Soll der Todfall (eine Art Erbschaftssteuer) ganz und gar abgetan werden, und nimmermehr sollen Witwen und Waisen also schändlich wider Gott und Ehre beraubt werden.
  12. Ist unser Beschluss und endliche Meinung, wenn einer oder mehr der hier gestellten Artikel dem Worte Gottes nicht gemäß wären …, von denen wollen wir abstehen, wenn man es uns auf Grund der Schrift erklärt. Wenn man uns schon etliche Artikel jetzt zuließe und es befände sich hernach, dass sie Unrecht wären, so sollen sie von Stund an tot und ab sein. Desgleichen wollen wir uns aber auch vorbehalten haben, wenn man in der Schrift noch mehr Artikel fände, die wider Gott und eine Beschwernis des Nächsten wären



Wer die Artikel liest, kann sich ein Bild von den unsozialen Zuständen der Zeit machen - unvorstellbar, dass nicht eine dieser maßvollen Forderungen erfüllt wurde ...
Weitere Aufständische aus anderen Grafschaften ziehen herbei, am 3. Mai sind es über 4.000 Mann, die Grafen von Schwarzburg und Stolberg unterwerfen sich der Übermacht der Aufständischen.
Am 10. Mai macht sich Müntzer mit 300 Mann, 8 Karrenbüchsen und der Regenbogenfahne - weiß mit einem Regenbogen und der Aufschrift „Verbum domini maneat in aeternum“ nach Frankenhausen auf.

In den Vormittagsstunden des 14. Mai wehren die Frankenhäuser Aufständischen Angriffe des hessisch-braunschweigischen Heeres im Westen ab. Nach diesem Erfolg überschätzen sie sich, halten den Feind für stark geschwächt, der Großteil des Frankenhäuser Haufens verlässt die Stadt und bezieht hinter einer Wagenburg Stellung, sie bringen die vorher auf der Stadtmauer aufgestellten Geschütze mit.
Am Abend fordert Landgraf Phillip die Aufständischen zur Niederlegung der Waffen und zur Auslieferung Müntzers auf. Gemäßigte Kräfte lassen sich auf Verhandlungen ein, bei denen eine befristete Waffenruhe vereinbart wird. Die Fürsten nutzen die Zeit zur Vorbereitung eines militärischen Schlages gegen die Aufständischen, sie lassen die Geschütze auf dem östlichen Schlachtberg in Stellung bringen.


Am 15. Mai vereinigt sich das hessisch-braunschweigische Söldnerheer mit dem albertinischen. Die Aufständischen versuchen vergeblich, das durch Geschützfeuer zu verhindern.
Mindestens 6.000 hervorragend ausgerüstete Landsknechte und Berittene auf Seiten der Fürsten nebst vielen Geschützen stehen etwa 8.000 Aufständischen mit mindestens 15 Geschützen, bewaffnet mit Arbeitsgeräten (Sense, Sichel, Dreschflegel, Gabel) und den Waffen der Bergknappen (Spieße, Hellebarden, Kurzsäbel) ohne militärisch geschulten Führern gegenüber.
Die Aufständischen sitzen in ihrer Wagenburg in der Falle.
Nochmals wird ein dreistündiger Waffenstillstand vereinbart.
Unter den Bauern kommt es zu Auseinandersetzungen über die Forderung nach der Auslieferung Müntzers und seiner Anhänger. Die Aufständischen lehnen sie ab, Müntzer predigt ein letztes Mal, legt ihnen in wirksamster Rhetorik seine Ziele dar, überzeugt sie von der Richtigkeit ihres Handelns.







Noch während die Aufständischen unter dem Eindruck der Predigt Müntzers verharren, beginnt das Gemetzel. Unter Bruch des Waffenstillstands greift das fürstliche Heer unvermutet und heftig mit Geschütz, Reiterei und Fußvolk an. Die Bauern sind völlig überrascht, geraten in Panik, finden keine Zeit, um zur Waffe zu greifen oder zu organisierter Gegenwehr. Die Masse der Aufständischen flieht panikartig in die Stadt, die fürstlichen Truppen metzeln sie nieder. Einige versuchen, sich der Übermacht zu erwehren, man mordet sie erbarmungslos. Nur wenige Aufständische können fliehen, unter ihnen Müntzer, ihr Führer. Er wäre entkommen, doch verrät ihn ein Sack mit Post, den ein Plünderer bei ihm in seinem Gepäck findet: Konzepte eigener Schreiben, Niederschriften aller Art und Briefe. Noch am Abend wird er seinem erbittertsten Feind, dem Grafen Ernst von Mansfeld, ausgeliefert. Es folgen Verhör, Folter, demütigende Überführung ins Fürstenlager, die Hinrichtung. Müntzers Frau, Ottilie von Gersen, mit der er einen Sohn hat, soll bei der Einnahme Mühlhausens von einem Adligen vergewaltigt worden sein. Sie war zum zweiten Male schwanger.
Die Folgen:
Auf Seiten der Bauern mindestens 6.000 Tote, 600 Gefangene, von denen noch am 16. Mai 300 hingerichtet werden. Auf Siegerseite soll es nicht einen Toten gegeben haben ...
Geistlicher und weltlicher Adel belegen die beteiligten Ortschaften mit maßlos überzogenen Strafen und Ersatzforderungen, die den tatsächlichen Schaden des Aufstandes um ein Vielfaches übersteigen, Rache des Adels an den Aufständischen, die nichts als Gerechtigkeit forderten ...





Ab 1976 errichtet die DDR auf dem Schlachtberg das merkwürdige Gebäude für das monumentale Bauernkriegspanorama Werner Tübkes, das in der Zeit von 1976 bis 1989 entsteht. Weite Teile der Bevölkerung betrachten das Ganze als pures Propagandamittel der Herrschenden, die damit ihr idealisierendes Geschichtsbild verbreiten wollen.
Der Volksmund nennt den Rundbau respektlos-verächtlich „Elefantenklo“, „Gasometer“ oder auch „Silo“. Der Bevölkerung muss den Bau angesichts des sich ständig verschärfenden Mangels in allen Lebensbereichen als purer Hohn und Zynismus der Herrschenden erscheinen, womit sich der „Staatskünstler“ von Gnaden der SED, Werner Tübke, auch noch einen Namen machen will.
"Frühbürgerliche Revolution in Deutschland" betitelt er sein Bild, das mit einer Fläche von 1722 Quadratmetern zu den größten Tafelbildern der Welt zählt und auf eine zwischen zwei Stahlringen an Boden und Decke des Rundbaus, der etwa 40 Meter Durchmesser hat, gespannte Leinwand gemalt ist.
Auf der Fläche tummeln sich mehr als 3000 Figuren, die wichtigsten von ihnen über 3 Meter groß.

Nach dem Ende der Ära Ulbricht wandelt sich die kulturpolitische Doktrin der SED: Man will Vielfalt, auch nicht dem Realsozialismus verpflichtete Kunst (Tübke selbst zählt sich nicht dazu) soll akzeptiert werden und das internationale Ansehen der DDR heben.
Dazu sollen historische Gestalten und Ereignisse als revolutionäre Vorgänger des ersten sozialistischen Staates auf deutschem Boden vereinnahmt werden, um zu verdeutlichen, dass die DDR deren Vermächtnis als natürlicher Erbe verwirklicht. Thomas Müntzer stilisiert man zum bedeutendsten Frührevolutionär Deutschlands, der Bauernaufstand wird gemäß marxistischer Geschichts-philosophie zur frühbürgerlichen Revolution erhoben, die den Übergang vom Feudalismus zum Frühkapitalismus einleitet.







Am Vorbild großer heroisierender Gedenkmonumentalbilder orientiert, etwa des Panoramagemäldes der Schlacht von Borodino, entstanden 1912 zum 100. Jahrestag der Schlacht und seit 1962 in einem eigens errichteten Panoramamuseum am Schlachtort untergebracht, plant man zum 450. Jahrestag des Deutschen Bauernkrieges 1975 ein groß angelegtes Gedenkjahr. Das Kulturministerium der DDR erteilt den Auftag für ein Monumentalgemälde auf dem Schlachtberg bei Bad Frankenhausen zum Andenken an die Bauernschlacht und ihren Anführer Müntzer.

Werner Tübke, international angesehen, nimmt den Auftrag nach Bedenkzeit unter folgenden Bedingungen an:
- Er beibt einziger Auftragnehmer
- Er schafft kein dokumentarisch korrektes Bilddokument einer Schlacht, sondern ein künstlerisches Monumentalwerk mit umfassender Verallgemeinerung
- Niemand redet ihm ins Konzept und seine Ausführung hinein
- Ohne Akzeptanz seiner künstlerischen Autonomie wird er nicht malen.
Im September 1975 hatte Tübke angekündigt, mit seiner Familie von Leipzig nach Frankenhausen zu ziehen. Er werde auf dem Frankenhäuser Schlachtberg eine "möglichst genaue Artikulierung des Selbstverständnisses der Arbeiterklasse aus der Tiefe der Geschichte heraus" malen.
Wegen der drängenden Zeit ist man im Großen und Ganzen einverstanden.
Tübke malt eine Modellfassung 1 : 10, 15 Künstler zeichnen die Umrisse des Modells auf Klarsichtfolie, deren Fotografien Projektoren auf die Leinwand werfen. Über vier Jahre lang arbeiten Tübke und fünf Maler auf fünf Stockwerke hohen fahrbaren Gerüsten in Schichten, auch am Wochenende.
In dieser Zeit bleibt Tübke ein Fremder in Frankenhausen, der mit seinem Volvo vorbeibrettert und sich nie in den ortsansässigen Kneipen sehen lässt. Ein paar Spitzel um ihn her, die im Auftrag der Stasi dafür sorgen sollen, dass niemand das große Werk sabotiert - er selbst will nichts davon bemerkt haben.

Golo Mann:
Der Schreiber dieser Zeilen hatte das Glück, den Rundbau auf dem Hügel bei Frankenhausen im Oktober des Jahres 1987 zu besuchen, einige Wochen bevor Werner Tübke, nach zwölfjähriger Arbeit, sein Werk als vollendet bezeichnete, anderthalb Jahre bevor es der Öffentlichkeit gelegentlich einer Feier zugänglich gemacht werden wird. Wir waren zu dritt, mit zwei freundlichen Erklärern. Danach durften wir noch das Ehepaar Tübke begrüßen. Der Meister war tief erschöpft, soviel spürte man, sehr erholungsbedürftig, aber glücklich wohl auch. Was konnte ich ihm sagen? Kaum mehr, als was ich in das Gästebuch schrieb: „Voll Bewunderung und Staunen.“ Betritt man das riesige Gewölbe, sieht man steil nach oben, so wird man zunächst von etwas wie Schwindel erfasst. Dann versucht man sich zu orientieren; wozu eine Stunde niemals ausreichen kann. Es ist eine Welt, die sich da auftut; Menschenwelt im ersten Drittel des 16. Jahrhunderts. Hatte der Meister Vorbilder, so waren es Maler eben jener Zeit; keineswegs die Historien-Maler des neunzehnten, die gar so schlecht auch nicht waren, mit denen sich aber jeder Vergleich verbietet. Überhaupt versagt hier das bloße Wort. Realismus? Ja, doch, der auch. Man sieht die Qual eines aufs Rad Geflochtenen. Man sieht Henker und Gehängte. Man sieht das üppige Leben, Lust und Wollust neuen, reich gewordenen Bürgertums. Stimmig ist auch hier eine Druckerwerkstatt mit von der Partie: Wirklichkeit und Symbol der neuen Großmacht. Aber wer unter jener Kuppel auf dem Frankenberg steht, dem Gemälde ohne Anfang, ohne Mitte und ohne Ende, der Schau, in welcher Symbole wie der berstende Turm von Babylon oder ein Regenbogen hoch über dem Schlachtengewimmel sich mit historischen Figuren versöhnen, dem wird die Zaubermacht der Kunst für einen Moment alle Theorie als grau in grau erscheinen lassen.

Gescheiterte

Ein Gescheiterter, der Staat, der sich als demokratische Republik bezeichnete, obwohl das Volk kaum etwas zu sagen hatte, und deshalb revoltierte, brachte es auf 41 Jahre.
Einen anderen Gescheiterten, einen Theologen, der sich als Revolutionär und Bauernkriegsführer engagiert, richten Gegner und Sieger im 36. Lebenjahr hin; sein Bild prangt 20 Jahre auf dem Fünfmarkschein des gescheiterten Staates, der noch 1989 eine Sondermarke mit seinem Bild herausgibt.





Am 14. September 1989 beschwört der SED-Chefideologe Kurt Hager bei der etwas gruseligen Eröffnungszeremonie - seitdem haben 2,5 Millionen Menschen das Museum bis heute (2012) besucht - das Überleben des Sozialismus und ruft den Massen zu:
Wie die Feinde der Bauern von 1525 handeln heute führende Kräfte der BRD!

Thomas Müntzer

Wer ist das?

1489 in Stolberg (Harz) geboren, lässt er sich nach dem Studium (Titel: Baccalaureus artium, Magister artium und Baccalaureus biblicus) 1513 zum Priester weihen. 1515/16 nimmt er ein Präfektenamt im Kanonissenstift Frose bei Aschersleben an, wo er eine kleine Privatschule einrichtet, um begüterte Bürgersöhne zu unterrichten. Weitere Aufenthaltsorte sind Zwickau, Böhmen, Prag, Jena, Erfurt, Weimar, Halle. 1524 hält er über das zweite Buch Daniel die bekannte Fürstenpredigt zu Allstedt, worin er die ernestinischen Fürsten auffordert, der Sache der Reformation keinen Widerstand zu leisten, zugleich greift er die sozialen Missstände scharf an.

Unter Berufung auf 2. Buch Moses 22:
Ein gottloser Mensch hat kein Recht zu leben, wo er die Frommen behindert, wie uns essen und trinken ein Lebensmittel ist, so ist es auch das Schwert, um die Gottlosen zu vertilgen.
In apokalyptischer Schau deutet er seine Zeit als Anbruch des göttlichen Gerichtes.
Weizen ist vom Unkraut zu trennen; es gilt das Wort Jesu: Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert (Matthäus 10,34). In der mit Purpur bekleideten Hure Babylons (Offenbarung 17,4; 18,16) sieht er die Römisch-katholische Kirche, in die er Luther und seinen Anhang mit einbezieht.

Nach dem Buch Daniel nennt er seine Zeit das fünfte Reich, das ebenfalls aus Eisen besteht, weil es Arme und Unschuldige unterdrückt.
Er wartet auf den neuen Elija, der kommen wird, um die Welt auf gottgewollte Weise zu ordnen, wozu die Tötung der Baalspfaffen (papsttreue Amtsträger der alten Kirche) und der Sturz der gottlosen politischen Machthaber gehört.
Jesus wurde in einem Viehstall geboren; er steht auf Seiten der Armen und Unterdrückten. Die, die sich in Pelzmänteln kleiden und auf Seidenkissen sitzen, sind Christo ein Greuel.
Vor der Obrigkeit muss Müntzer nach Mühlhausen fliehen, wo er zum Pfarrer gewählt wird. Müntzer schlägt sich auf Seite der Bauern, er wird Leitfigur im Deutschen Bauernkrieg in Thüringen. Nach seiner Gefangennahme schreibt er aus seinem Kerker einen Abschiedsbrief an die Aufständischen und ruft sie zur Einstellung des weiteren Blutvergießens auf - wohl auf der Folterbank erpresst.
Am 27. Mai lassen ihn die Fürsten vor den Toren der Stadt Mühlhausen enthaupten, seinen Leib aufspießen und seinen Kopf auf einen Pfahl stecken.


Aber nicht nur an der Bewertung der Bauernkriege scheiden sich die Geister, auch an Tübkes Werk.

Ein paar Details:



Vorausgeschickt:
Eine Inhaltsangabe ist unmöglich, nehmt Euch viel viel Zeit mit und "entdeckt" das teatrum mundi! Ein Versuch sei dennoch gewagt:
Wir wandern vor dem Abbild einer ganzen Epoche im Kreis, der Renaissance. Tübke malt nicht zeitlich oder räumlich bestimmbare Momentaufnahmen oder getreue Wiedergaben realer historischer Ereignisse, oder Schwerpunkte bestimmter Aspekte. Durchaus treten historischen Figuren (etwa Müntzer und Luther) auf, daneben finden wir unzählige allegorische Anspielungen auf Ereignisse auch anderer Epochen, auf ureigene menschliche Ängste, auf Aberglauben, apokalyptische Vorstellungen und biblische Themen in einer gewaltigen suggestiven Bildersprache.

Tübke nimmt zahllose Anleihen bei zeitgenössischen Gemälden und Holzschnitten - Fundgrube und Leckerbissen für Kenner. Auch sich selbst verewigt er an einigen Stellen, als den Narren, der den Herrschern die Wahrheit sagt zwischen Päpsten mit Eselohren und den Mächtigen, die am Spieltisch um den Besitz von Ländern und Menschen würfeln.
Neben dem Künstler auf hohem Roß hält Ehefrau Brigitte eine Zigarette hoch - um sie dem durch die Arbeit herzgeschädigten Gatten zu entziehen?


Im Zentrum der Darstellung – wenn es ein solches geben sollte – das Panorama der Schlacht von Frankenhausen selbst, mit Thomas Müntzer als Mittelpunkt.
Rings um ihn gehen die Fürstensöldner dem Massenmord nach, Müntzer hält die Flagge bereits gesenkt – er weiß, dass seine Sache eine verlorene ist, der Tod mit dem Dudelsack nähert sich schon. Müntzer der Gescheiterte.


Durch eine Hecke vom Schlachtgeschehen abgetrennt, gruppiert Tübke im selben Teil des Bildes bedeutende Persönlichkeiten der Zeit um einen Brunnen, Mann für Mann nach zeitgenössischen Porträts identifizierbar, 20 erlauchte Geister der Epoche, von Kolumbus über Luther bis Hans Sachs, der Babylonische Turm als Motiv Pieter Brueghels, Reitergefechte wie bei Albrecht Altdorfer, eine Welt in der Glaskugel, wie von Hieronymus Bosch erträumt. Ein schwebenden bläulicher Fisch, der Wasserströme auf eine Miniaturstadt ergießt, eine Holzschnitt-Vision einer Unwetter-Katastrophe aus dem Jahr 1523.





Am Brunnen, von links:
Mit Schwert Hans Hut und Melchior Rinck, Mitstreiter Thomas Müntzers und führende Köpfe der Täuferbewegung, in Rot Hans Sachs, Schuhmacherpoet, mit Hammer der Bronzegießer Peter Vischer d. Ä., der Bildhauer Adam Krafft, der Holzschnitzer Tilman Riemenschneider, hinter ihm im brauen Gewand Jörg Ratgeb, Maler und Grafiker wie Albrecht Dürer, der sich anschließt, in der Mitte der Reformator Martin Luther gefolgt von Lucas Chranach d.Ä. Es schließt sich eine Gruppe Humanisten an: im grünen Gewand Sebastian Brant, rechts dahinter Philipp Melanchthon, Erasmus von Rotterdam im roten Mantel vorn am Brunnen stehend und Ulrich von Hutten mit dem Lorbeerkranz des Dichters auf dem Kopf. Christoph Kolumbus und Johannes Gutenberg, Erfinder des Buchdrucks mit beweglichen Lettern und die Vertreter der damals größten Handelsgesellschaften Jakob Welser und Jakob Fugger.
Albrecht Dürer und Lucas Cranach der Ältere sind Tübkes Vorbilder, in seinem Stil verbindet er eigene Techniken mit Anleihen bei den alten Meistern und ihrer Darstellungsweise. In mehrjähriger Vorbereitung arbeitet er sich mit intensivem Quellenstudium in die Vorstellungswelt und künstlerische Darstellung dieser Epoche zwischen ausgehendem Mittelalter und früher Neuzeit ein.
0wohl es größere Rotunden gibt, gilt Tübkes Werk als einzigartig. Es ist nicht eine bildhaft-dokumentarische Momentaufnahme in der typischen Art eines Schlachtengemäldes, sondern die metaphorische Gesamtdarstellung der Epoche.













Ein Geschichtsbild, das Schlüsselereignisse und -phänomene repräsentativ vergegenwärtigt - so etwas ist wohl mit den Mitteln heutiger Kunst gar nicht zustandezubringen. Ein reines Schlachtengemälde hätte sich durch militärisches Pathos unglaubwürdig machen müssen. Tübkes statt dessen versuchte Monumental-Collage aus Zitaten (und, natürlich, passenden eigenen Erfindungen) verzettelt sich in vielen Bilderrätseln und erweist sich auch formal als Stück-Werk.
Die große Komposition ist nur mit Einschränkungen geglückt. Schematisch, wenig überzeugend sind die szenischen Versatzstücke oft aneinandergesetzt und in den gemalten Raum eingefügt. Gruppen und Einzelfiguren kleben bisweilen wie Scherenschnitte vor der Fläche, und auch im malerischen Detail zeigt der vielgerühmte Virtuose Tübke sich Vorbildern wie Bosch oder Altdorfer weit unterlegen. Viele Bewegungen sind ihm ungelenk geraten, Gesichter so leblos, als beständen sie aus Pappmache oder Pfefferkuchen.
(Jürgen Hohmeier im SPIEGEL)
Hat Eduard Beaucamp, Kunstkritiker der FAZ, Recht mit dem, was schreibt?
Das thüringische Bauernkriegspanorama ist keine didaktische Großillustration, sondern eine historische Parabel menschlicher Irrungen und Wirrungen mit Durchblick auf gesellschaftliche Unruhen, Umbrüche und Glaubenskämpfe der Moderne, auf eine Welt nicht im Aufbruch, sondern im Taumel einer Spätzeit: Weltgeschichte vollzieht sich als Weltgericht. All diesen Auftragsbildern liegt ein tiefer Dissens zum ideologischen DDR-Parteiprogramm zugrunde. Mit der „Erbe“-Debatte ließen sich die Projekte bemänteln und rechtfertigen. In fast allen seinen „Historienbildern“ hat Tübke seine skeptische, ja geschichtspessimistische Anschauung und nicht das Fortschritts-Wunschbild der DDR entfaltet – die Auffassung von einer Wiederkehr des Gleichen, das aber niemals das Gleiche ist.

Hat Tübke eine Allegorie auf die zum Scheitern verurteilte DDR geschaffen? Mussten ihre Führer einsehen, dass die Vision eines sozialistischen Staates, in dem der Mensch das Maß aller Dinge sein sollte, zerstob, so wie Thomas Müntzers Vision einer besseren Zukunft für die Bauern und einfachen Leute?
Oder hat der Direktor des Panorama-Museums, Gerd Lindner, mit seiner Interpreation Recht?
Ich glaube, das Werk ist zeitlos, weil der Maler ein Geschichtsbild entwickelt hat, das sehr subjektiv ist. Auf den Punkt gebracht könnte man sagen, er zeigt die ewige Wiederkehr des Gleichen, die sozialen Grundprobleme bleiben die gleichen, das ist die Grundaussage des Bildes, dargestellt in einer totalen Form, d.h. in einer Kreisform ohne Anfang und Ende, so dass die Geschichte als Kontinuum erscheint, ohne lineare Höherentwicklung, was im eklatanten Widerspruch zum offiziellen Geschichtsbild der DDR stand.
Christina Tilmann schreibt im Tagesspiegel nach dem Tod Werner Tübkes:

Es ist ein Karneval, ein Maskenfest, aber auch immer ein zutiefst pessimistischer Totentanz auf den Trümmern der Zivilisation, den Werner Tübke inszeniert. Voller Bewunderung für die Meisterschaft der Vorfahren, aber gleichzeitig durchdrungen von dem melancholischen Bewusstsein, dass diese Blüte der Zivilisation längst vorbei ist, abgelöst durch eine barbarischere Epoche.
Ist das Gemälde also eine Deutung des Seins - diese Sichtweise unterstreicht der Rundbildcharakter des Bildes - als generell vergänglich, nicht beschränkt auf den Misserfolg der Bauernaufstände und des Sozialismus – aller gesellschaftlichen Prozesse, zu dieser und allen anderen Zeiten. Nicht nur für Müntzer und seine Bauernheere ist alles verloren, sondern auch für Adel, für alle Gestrigen, Heutigen und Morgigen?
"L'art pour l'art" war Tübkes Motto seines Malens und Zeichnens. Sein Opus magnum schuf er, der Einzelgänger, im Gebrauch seiner künstlerischen Mittel unbeugsam gestrig und vollkommen unbeeindruckt von allem, was sich in der Gegenwartskunst tat. Im Westen gern als Hofkünstler und Malerfürst des Sozialismus abgetan, erfährt Tübke nun zögerlich Rehabilitation.
Und zeigt uns das Panorama nicht den Unterschied zwischen Geschichte und Kunstgeschichte?
Geschichte ist die Wissenschaft, die uns aufklären soll über die Vergangenheit mit ihren Höhen, Tiefen, Motiven und Verstrickungen. Kunstgeschichte ist Glaubenswahrheit und verehrt die Kunstwerke vergangener Epochen als Reliquien einer idealeren Welt. Das Panorama Tübkes als malerisches Paralleluniversum, in dem Politik und Macht, Verantwortung und Schuld, Furcht und Anpassung als geläuterte Bildgegenstände vorkommen, gezähmt von der souveränen und nicht zu erschütternden Meisterhand des Malergenies. Könnte ein historisches Museum auf solche Weise über die Renaissance aufklären?
Ist das Panorama Museum und die es tragende Stiftung Heimstatt eines umstrittenen Künstlers und kulturpolitischen Akteurs eines autoritären Staates, die schützend die Hand über ihn hält?
Hat die Stiftung ihre Pflicht zur historischen Distanz versäumt, die aus Kunstgeschichte erst ein seriöses Handwerk macht?


Die Stasi und das Panorama
Ganz oben in ihrer geheimen Prioritätenliste stehen die "techn. Mängel der Gedenkstätte". Bereits 1983 stellen Fachleute fest, daß die "bauliche Hülle (Rundbau) für das Panorama-Bild eine Fehlkonstruktion" ist.
IMs melden außerdem, daß Entscheidungen "nicht rechtzeitig vorbereitet und vorhandene Beschlüsse" nicht "qualitäts- und termingerecht realisiert" werden. Markus Wolf, Chef der Auslandsaufklärung, macht sich am 26. Juni 1986 eine Aktennotiz über eine "persönliche Vorsprache" des Malers. Wolf gibt den Auftrag, die "Sicherheit des Kunstwerkes und seines Schöpfers" zu gewährleisten. Tübke sei telefonisch bedroht worden, man werde ihn "zermalmen wie Picasso" und ermorden, wenn er auf dem Schlachtberg "weiter so einen Mist" male. Die Operative Personenkontrolle "Panorama" wird eingeleitet. Mindestens vier Inoffizielle Mitarbeiter - die IM "Dr. Werner", "Rose", "Wilhelm" und "Journalist" - postieren sich in unmittelbarer Nähe Tübkes, um "rechtzeitig neue Gefährdungssituationen aufzudecken und zu beseitigen, Einflüsse von "profilierten Personen" aus dem westlichen Ausland und deren "negative Wirkungen auf T." zu erkennen und "geeignete Gegenmaßnahmen einzuleiten".





Tübke und die Justiz
Eberhard Lenk arbeitet fünf Jahre am Monumentalbild mit. Er malt für das Hotel Reichental in Frankenhausen ein Bild frei nach den Motiven aus dem Bauernkriegspanorama von W. Tübke. Dargestellt sind Lenks Sohn und "Persönlichkeiten der Reformationszeit". Das Landgericht Erfurt entscheidet, die "unerlaubte Bearbeitung" dürfe nicht gezeigt werden. Das Honorar habe Lenk offenzulegen und nach Abzug der Kosten für Pinsel, Farbe und Leinwand an Tübke abzugeben. Der Besitzer des Bildes verhüllte das 4 mal 1,50 Meter große Bild mit weißem Tuch.




Erinnert Gerrit Gohlke (in artnet) zu Recht daran, wie faustisch das Werk Werner Tübkes angelegt ist?
Sein Werk, das das zunächst in erschütterndem Heroismus ideologische Abziehbilder zu Markte trug, um sich später in wolkige Metaphysik zu flüchten?
Verweigert das Panorama Museum die Debatte um die Hybris eines Malers, der chamäleonhaft jede politische Aussage und schließlich auch die eigene Haltung gegenüber seinen Auftraggebern in historischen Maltechniken und Motiven wie in einer zeitlosen hermetischen Kapsel einschließt?
Tübkes viel zitierte Meisterschaft, seine Koketterie mit Jacopo Tintoretto oder Albrecht Altdorfer, Paolo Veronese oder späteren Realisten wird ... als beliebig anpassbares Trägermedium erkennbar. In ihm ließ sich die plakative propagandistische Agitation gegen die Insignien amerikanischer Bürgerlichkeit ebenso verpacken wie die verkitschte Huldigung an romantisch-heroische Arbeiter- und Bauernphysiognomien.
Und so gibt es keine politische Tageslosung, die sich nicht unter Tübkes Händen zum Historienspiel verwandelt hätte.

Noch 1988 schaut er auf seinem Selbstbildnis mit roter Kappe als historische Repräsentationsfigur von der Wand. Demonstrationen der Emanzipation eines diensteifrigen Künstlers wollen diese einen dreiviertel Meter hohen Gemälde sein, die wie Wahlplakate malerischer Autorschaft erscheinen, Beweismittel für eine nur in Farbe und auf Leinwand vorhandene Souveränität.
Tübkes Frankenhausener Bauernpanorama, seine propagandistische Bereitwilligkeit, seine neue Innerlichkeit – all das wird zusammengehalten von einer Formalismusmaschinerie, über die man sich produktiv streiten könnte. Über das, was die Staatsmalerei verdrängte, an den Rand abschob, wäre ebenso zu sprechen wie über das Hilfs- und Rettungsmittel, das die eigene Malerschaft für Tübke gewesen sein muss. Diese Gemälde haben Münchhausen’sche Züge. Nicht nur, weil sie öfter einmal bereitwillig lügen, sondern auch, weil sie den Maler in eine andere Sphäre ziehen, am eigenen Schopf über die Geschichte hinweg, an der Zeitgenossenschaft vorbei in die Unsterblichkeit.


Noch ein Gescheiterter:
Mit einer Höhe von 56 und einer Schieflage von 4,5 Metern ist der Frankenhauser Kirchturm nicht nur der schiefste Deutschlands, sondern auch im wahrsten Sinne des Wortes einer der schrägsten Türme weltweit, der ohne vielfältige Hilfsmaßnahmen in ein paar Jahren einstürzen wird.
Aber das ist ein anderes Fundstück ...


Weitere Fundstücke: Werner Tübkes Flügelalatar in Clausthal-Zellerfeld und Wandbildnis "Arbeiterklasse und Intelligenz" in Leipzig, Museum der bildenden Künste









Im Frühjahr 1525 ritt Grünewald
durch Aprillicht und Schauer
nach Windsheim, wo er
in der Werkstatt Jakob Secklers
ein kleines Gesprenge aus Weinlaub
und verschiedenen Vögeln
in Arbeit gegeben hatte.
Während Seckler die letzte Hand
an die Sache legte, geriet Grünewald
ins Gespräch mit Barthel und Sebald Beham,
Kupferstecher und Zeichner aus Nürnberg,
die, am 12. Jänner als gottlose Maler
verhaftet und wegen Ketzerei
aus ihrer Heimatstadt ausgewiesen,
vorläufig bei dem Windsheimer Meister logierten.
Die Brüder erzählten auf Spazierwegen
hinaus in die noch fehlfarbenen
Felder und bis tief in die Nacht
von dem in Nürnberg gewesenen Thomas Münzer,
der jetzt durch Schwaben nach dem Elsaß,
in die Schweiz und den Schwarzwald gegangen sei,
die Erhebung ausrichten. Denn die sechste
Posaune sei im Schwange, und es müsse
der arme Buchstabe ausgelassen werden
aus dem Maul. Klirrend komme
ein großes Pfingstfest,
die Füllung der Wasser
rücke vor, sprudelnd
vereinigten sich die Planeten
im Haus der Fische, der rote
Stern trete in Konjunktion
mit dem Saturn, dem Zeichen
der Bauern, und ein phantastisches
Feuer leuchte dann auf, wenn
in dieser nächst vermuteten Zukunft
ein notiger Hudler erkennbar werde
als der Messias Septentrionalis.
Grünewald sagte, einmal, zur Zeit
seiner Kindheit, er sei sechs oder
sieben gewesen, habe der Pauker
von Niklashausen mit Versprechung
irdischen Glücks für die Ärmsten
das Volk aufgerührt. Fünfzigtausend
seien ihm täglich zugezogen, sein Bethaus
habe sich angefüllt mit riesigen Schätzen,
und das sei eine Zeit so gegangen,
und dann habe man ihn zum Schauspiel
des Pöffel in Würzburg geröstet.
Ich seh schon, fuhr er fort,
unter dem Regenbogen, den ihr überm Land
aufgehen seht, die Reiter
hervorrücken aus ihrem Lager.
Bruder, sprach er, wie sie entlang
der Windsheimer Wälder gingen,
ich weiß, der alte Rock reißt,
und fürchte mich
vor der Neige der Zeit.
Mitte des Mai, Grünewald
war mit seinem Gesprenge
in Frankfurt zurück, war
das Korn weiß zur Ernte,
zog die geschärfte Sichel
durch das Leben eines Heers von fünftausend
in der sonderbaren Schlacht von Frankenhausen,
in der kaum ein Reisiger fiel,
die Leiber der Bauern aber
zur Hekatombe sich türmten,
weil sie, als wären sie wahnsinnig,
sich weder zur Wehr setzten
noch anschickten zur Flucht.

Als Grünewald am 18. Mai
diese Nachricht erreichte,
ging er nicht mehr außer Haus.
Er hörte aber das Augenausstechen,
das lang noch vorging
zwischen dem Bodensee
und dem Thüringer Wald.
Wochenweis trug er damals
eine dunkle Binde
vor dem Gesicht.

W. G. Sebald
Nach der Natur S. 29ff