Wenzels Krone
und
Jungfern Breschan

Wer auf der E 55 von Norden nach Prag fährt, passiert kurz vor dem Ziel rechterhand das Flugfeld des Militärflugzeugherstellers Aero Vodochody, und genau gegenüber linkerhand Panenské Brežany, zu deutsch Jungfern Breschan - beides aber von der Autobahn aus nicht zu sehen ...



1941 überreicht Staatspräsident Emil Hacha dem Reichsprotektor im Dom auf dem Hradschin als symbolische Geste die Schlüssel. Als sie zum Allerheiligsten aller Tschechen - der Wenzelskrone - treten, geschieht es: Heydrich in der Uniform, die den Totenkopf trägt, setzt sich zum Schecken aller, die Krone selber auf.



Großes hat er, Sohn eines Komponisten und Konservatoriumsrektors, vor:
Nachfolger des Führers will er werden.



Heydrich ist Fechten, Klavier- und Violinspiel zugetan, nach unehrenhafter Entlassung bei der Marine tritt der Olt. a. D. in die Partei ein.
1942 im Mai, an einer engen Kurve, signalisiert in Prag Josef Valcik den Kameraden sein Kommen. Im Fond des Wagens sitzt aufrecht, blass und verflucht, der Herr auf Schloß Jungfern-Breschan, auf der Fahrt zum Dienst, der besteht in der Perfektion von Massenmord.



Das schwarze Hakenkreuz in weißem Kreis auf rotem Grund flattert am Kotflügel, auf der schwarz glänzenden Kühlerhaube prangt ein Stern. Bei mildem Frühsommerwetter Start am Schloßtor, das Verdeck offen.



Als ein Attentäter schießen will: Ladehemmung, der Mann im Fonds greift zur Pistole, zielt auf ihn, die Waffe ist nicht geladen. Eine Spezialgranate von Kubiš verletzt die Insassen dann tödlich.



Wieder erfüllt sich der Fluch der Wenzelskrone, dieses Mal am Organisator des Genozids an Europas Juden, geboren 1904, katholisch getauft auf Reinhardt Eugen Tristan Heydrich, Chef des Reichssicherheitshauptamtes, SS-Obergruppenführer und Stellvertretender Reichsprotektor, Herr über Leben und und noch mehr Tod aller Einwohner der Tschechoslowakei, annektiert mit dem Segen der Welt vom Großdeutschen Reich, umbenannt in Reichsprotektorat Böhmen und Mähren.



Auch Klaus, Heydrichs ältester Sohn, wird Opfer des Fluchs.
Der zehnjährige Bub radelt ein gutes Jahr nach dem Attentat auf den Vater geradewegs unter einen Lkw, gesteuert von Karel Kaspar.



Später flieht die Witwe aus Jungfern-Breschan, wo 120 KZ-Häftlinge für sie fronen, mit ihren drei Kindern nach Fehmarn. Fahrer der Habe ist Karel Kaspar - den die Mutter mit der Todessstrafe belegen wollte.



Das Landessozialgericht gewährt Rente, ihr Mann, so die Begründung der Richter, sei Kriegsopfer.











Die Witwe Hedrichs wird mit ihren Kindern Heider, Silke und Marte wieder auf ihrer Heimatinsel Fehmarn sesshaft. Obwohl ein tschechoslowakisches Gericht sie 1948 zu lebenslanger Haft verurteilt, liefert die britische Zonenverwaltung sie nicht aus.
Bei der Entnazifizierung zuerst 1949 als "Mitläuferin" enteignet, wird Lina Heydrich zwei Jahre später voll rehabilitiert.
In dem 1935 gekauften Strandhaus in Burgtiefe betreibt Lina Heydrich das Hotel "imbria parva", bis das Gebäude im Winter 1969 bei Schweißarbeiten unterm Reetdach abbrennt.
Lina Manninen, wie sie nach der Heirat mit einem finnischen Theaterdirektor heißt, tut alles, um ihren ersten Mann reinzuwaschen:
"Er war nicht gegen Juden und hatte mit der Vernichtungskampagne nichts zu tun." Sie stirbt 1985.
Ihr Ältester, Heider, ein pensionierter Ingenieur im bayrischen Wörthsee hält sich zu Fragen über den Vater für "nicht ausreichend kompetent".
Heydrichs Tochter Marte Beyer, Inhaberin eines Modeladens in Burg auf Fehmarn:
"Sie ahnen ja nicht, was es bedeutet, so einen Vater zu haben. Er verfolgte mich bis in den Schlaf. Aber ich weiß nichts."
Ihr Sohn, Reinhard getauft, ergänzt: "Keiner weiß doch genau, was der Opa getan hat."

Peter Thomas Heydrich, Sohn von Heydrichs Bruder Heinz, der 1944 als Widerständler Selbstmord begeht, schämt sich über solches Verhalten:
"Seine Kinder haben nichts gefühlt und fühlen nichts."
Nie haben sie auch nur eine Geste gegenüber den Opfern gemacht, weder zu Juden noch zu Kindern aus Lidice - vielleicht aus Angst ...

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