Meisterwerk der Markscheidekunst
im Westerzgebirge:
Heute beliebter Weg
für Wanderer und Radfahrer



Levada in Sachsen



Floßgraben bei Schlema



Exakt vermessen von Christoph Kunstmann

Wenn Sie die beliebte Blumeninsel Madeira besucht haben, sind Sie mit Sicherheit auch an Levadas entlang gewandert ...



Levadas sind Kanäle, die sich kilometerweit über Madeira hinziehen und der Wasserversorgung dienen. Solche Meisterwerke der Wasserbaukunst finden sich auch bei uns in Deutschland.

Im Herzogtum Sachsen regiert er nur 2 Jahre nach seines Bruders Tod 1539: Herzog Heinrich der Fromme.
Mit 66 übernimmt er die Regierung und 1541 stirbt er.
Dennoch ist er einer der wirkungsmächtigsten Wettiner, seine Entscheidung, die Reformation im albertinischen Sachsen einzuführen, prägt das Land bis heute. Unter Anwesenheit Martin Luthers findet die Einführungsfeier statt, wer sich weigert, die neue Religion anzunehmen, wird des Landes verwiesen oder verhaftet.
Sein Nachfolger ist Sohn Moritz. Er verbündet sich mit dem Kaiser gegen den Schmalkaldischen Bund und bekommt nach der Schlacht bei Mühlberg 1547 die Kurwürde und große Teile der bisherigen kursächsischen Besitzungen. 1553 stirbt er bei der Schlacht (gegen den Kaiser) bei Sievershausen.
Nachfolger ist Herzog August, der bis zu seinem Tod 1586 in Sachsen regiert.

Die Cranachs haben die Herzöge gemalt:

Heinrich der Fromme

Moritz

August (er nennt sich Augustus)


Die friedliche Zeit in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts wirkt sich auf Ökonomie und Staatsfinanzen sehr positiv aus.
August ist einer der wenigen Reichsfürsten jener Epoche, der einen umfangreichen Staatsschatz ansammeln kann. Er ist auch nicht ständig auf Steuerbewilligungen der Landstände angewiesen, so dass der Landtag nur selten einberufen wird und die Stände sich kaum an der Landespolitik beteiligen können.
Selten zuvor und selten danach ist die Macht sächsischer Fürsten so groß wie im Zeitalter der Konfessionalisierung. Die von Kurfürst August 1556 in seiner Residenz errichtete Münzstätte Dresden wird nach Schließung sämtlicher anderer Landesmünzstätten einzige Münzstätte im Kurfürstentum.

In dieser Zeit beginnt 1556 der Bau eines Meisterwerks der Markscheidekunst im Westerzgebirge zwischen Albernau und Schlema, vollendet 1559: der

Floßgraben bei Schlema

Um die Grubendecken abzustützen, benötigen die Bergleute enorme Mengen an Holz, rasch sind große Waldflächen in der Umgebung abgeholzt, es wird zunehmend schwieriger, genügend Holz zum Bau der Gruben und Zechen heranzuschaffen. Das Baumaterial mit Pferdegespannen zu befördern ist zeitaufwendig. Die Alternative: Baumstämme über den Wasserweg heranschaffen.
Markscheider Christoph Kunstmann vermißt das Gelände exakt und ein Genossenschaftsunternehmen unter T. Popel beginnt am 18. Juni 1556 mit dem Bau, es geht zügig voran. Schon zehn Monate später, am 3. April 1557, erreicht das gewonnene Wasser die Gemeindemühle bei Schlema und im Jahr 1558 stößt der Graben auf die Mulde, wo das heutige Rechenhaus steht. Ein Wehr (Rechen) mit einer kleinen Brücke wird errichtet und am 21. Oktober 1559 ist der Bau abgeschlossen. Noch im selben Jahr beginnt der Floßbetrieb.
1556, mit Beginn des Floßgrabenbaus, entsteht an der Ableitungsstelle der Mulde auch die Wärterunterkunft, das sogenannte "Huthäuschen" und spätere Rechenhaus. 1559 zieht der Floß- und Rechenmeister ein. Er ist verantwortlich für das Einflößen der Baumstämme, die Wasserzufuhr zum Floßgraben und das damit verbundene Wehr. 1661 und 1694 zerstören Hochwasser das Wehr, es muss neu aufgebaut werden. Durch den technischen Fortschritt verlieren Floßgraben und Rechenmeisterarbeit in der Folgezeit an Bedeutung. Nur die Wasserkraft des Grabens wird weiter genutzt.
1956 bekommt die Gemeinde Albernau das Rechenhaus übertragen.

Markscheider sind seit dem Mittelalter Beamte, die die Markscheide eines Bergwerks bestimmen und ihre Erkenntnisse zur Lagerstätte mit allen Klüften und Gängen sowie die Grubenbaue im "Risswerk" niederlegen.
Der Wortbestandteil Mark bedeutet Grenze, scheiden im Sinne von trennen meint das Vermessen der Grundstücksgrenzen.
Gesetze legen bis heute die Stellung des Markscheiders fest. Schon 1517 regelt Kaiser Maximilian I. in der Bergordnung, dass der Markscheider für seine Tätigkeit unter Eid zu nehmen ist. Im 18. und 19. Jahrhundert haben Markscheider bedeutende Range in der Hierarchie des Montanwesens.

Markscheider bei der Arbeit

Kunstmanns Kanal ist 15,3 Kilometer lang, 1,5 Meter breit und von geringer Tiefe. Ab Albernau unweit von Bockau speist Kunstmann Wasser der Zwickauer Mulde ein, der Kanal endet am Zechenplatz in Oberschlema nach einem Höhenunterschied von 70 Metern. Er verläuft am Hang der Berge links der Zwickauer Mulde und überquert dabei den Ein- und Ausgang eines (später gebauten) Eisenbahntunnels und den Zschorlaubach.



Die abgeschlägelten und ausgehobenen Massen, hangabwärts aufgeschüttet, lassen eine ebene Fläche mit einem Weg für den Grabensteiger und seine Gehilfen entstehen, zuständige für die Wartung des Floßgrabens.

Die Ufer des kleinen Kanals sind mit Bruchstein- und Ziegelmauerwerk befestigt.
Später nutzen das aus der Zwickauer Mulde in den Graben eingeleitete Wasser verschiedene Mühlen zum Aufschlag und einige Betriebe als Brauchwasser. Der Floßgraben beginnt heute am denkmalgerecht sanierten Rechenhaus - dem ältesten Gasthaus Sachsens - bei Albernau.





Seit dem 19. Jahrhundert ist das Rechenhauses, mit Unterbrechungen, Schankwirtschaft. Der Floßgraben führt noch immer an verschiedenen bergmännischen Anlagen, so an einer erst 1956 stillgelegten Wolframitgrube und kleinen Stollnmundlöchern vorbei und fliesst oberhalb der im Talkessel gelegenen Stadt Aue nach Schlema. Dort verfällt das Wasser im neuen Kurpark - entstanden nach der Sanierung des Uranerzbergbaus - über Kaskaden in die Vorflut.

Im 1790ten Jahre nimmt Herr Knappschaftsvorsteher und Schichtmeister Heinrich Enoch Schnorr den Grund=Riß vom Schneebergischen Flöß=Graben auf. und ihn copirt im Monath August und September 1795 Johann Jacob Graff:

















Heute verläuft entlang des Grabens ein beliebter Wander- und Radweg.









Und:
Der Floßgraben ist ausgewählte Stätte für die vorgesehene Kandidatur zum UNESCO-Welterbe Montanregion Erzgebirge. Die UNO verleiht auf Vorschlag der jeweiligen Staaten den Titel an Stätten, die aufgrund ihrer Einzigartigkeit, Authentizität und Integrität weltbedeutend sind.

Markscheidewesen oder -kunde ist auch noch heute eine Ingenieurdisziplin, etwa in der Mitte zwischen Geodäsie, Bergbau und Geologie angesiedelt und ein Studiengang an der Bergakademie Freiberg.
Das Studium des Markscheidewesens hat viel mit dem Vermessungswesen gemeinsam, mit dem es an einigen Ausbildungsstätten kombiniert ist. Neben Geologie, Geophysik, Maschinenbau usw. vertieft es verschiedenste physikalische Messtechniken und dehnt sich auch (wie die Geodäsie) in Richtung Geoinformation, EDV/Datenbanken, Management und Umweltschutz aus.



Und "Markscheider Kunst" ist eine russische Weltmusik-Band aus Sankt Petersburg, gegründet 1992. Ihr Name stammt vom Markscheider, denn nahezu alle Bandmitglieder sind ehemalige Bergbaustudenten.
Ihr Musikstil ist sehr eigen ...

Ein berühmter Markscheider ist Bernhard Ripking aus Jacobidrebber, geboren 1682. Er pflegt Gedankenaustausch mit Leibniz, arbeitet an den Wasserkünsten im Schloßpark Herrenhausen bei Hannover für Kurfürst Georg Ludwig von Hannover (später König Georg I. von England) mit, fertigt eine Gesamtkarte des Harzes, das älteste mit digitalen Höhenangaben versehene Kartenblatt überhaupt und stellt mit Hilfe des Sekundenpendels fest, daß die Erde nicht die Gestalt einer Kugel hat, sondern ellipsoidisch geformt ist. Aber das ist ein anderes Fundstück ...