Der letzte Wunsch
reicher Emporkömmlinge
ist immer ein Schloss



aber Schneewittchen
hinter den sieben Bergen
bei den sieben Zwergen
ist noch tausendmal schöner als Ihr



Bizarr, exzentrisch, verschroben:

Die Drachenburg



Das in China angebrochene "Jahr des Drachens" könnte Anlaß sein, das Fundstück vom rheinischen Siebengebirge einzustellen - oder war es der Satz Sebalds, den er auf seiner englischen Wallfahrt betr. eines gewissen Sir Morton Petos notiert:
Darüber hinaus hatte er es durch Finanzbeteiligungen bei der Ausweitung des Eisenbahnwesens in Kanada, Australien, Afrika, Argentinien, Rußland und Norwegen in kürzester Frist zu einem wahrhaft riesigen Vermögen gebracht, so daß er nun auf dem Punkt stand, wo er seinen Aufstieg in die obersten Gesellschaftsklassen krönen mußte durch die Errichtung einer an Komfort und Extravaganz alles bisher Dagewesene in den Schatten stellenden Residenz auf dem Land (Die Ringe des Saturn S. 45 --> ).



Vor 130 Jahren lässt daher ein ebenfalls reich gewordener deutscher Spekulant in Königswinter den Grundstein für ein Schloss mit Vorburg (heute "Bistro mit herzhaften Speisen, Kuchen, Eiscreme, warmen und kalten Getränken") auf dem Siebengebirge hoch über dem Rhein legen.



Unten links steht er im schwarzen Mantel:


Freiherr Cornelius Stephan von Sarter.

Ein Jahr zuvor, 1881, hat sich Stephan, geboren 1833 in Bonn als Bürgerlicher und fünftes Kind eines Gastwirts, seinen Adelstitel - damals unumgänglich für einen Burg- und Schloßherrn - mit Hilfe des deutschen Botschafters in Paris für 65.000 Mark (in zwei Tranchen: 40.000 Spende an


Herzog Georg von Sachsen-Meiningen-Hildburghausen,
25.000 für ein Armenhaus in der fürstlichen Residenz) gekauft (umgerechnet heute, A.D. 2012: 650.000 €)

Sarter hat Banker gelernt bei Leopold Seligmann, Salomon Oppenheim und Leopold Werner, Paris und London. Er reist, spekuliert in Madrid, New York und Konstantinopel. 1862 macht er sich in Paris als Börsenanalyst selbständig. Er finanziert den Suezkanal mit - bei dessen Eröffnung 1869 ist Sarter Ehrengast. Mit zunehmendem Verkehr auf der Wasserstraße wächst auch sein Vermögen, beim Panamakanal ist er vorsichtiger, er stößt die Aktien rechtzeitig ab.



1890 wird er Franzose, seinen Adelstitel erkennt Paris nicht an, auf seinem Totenschein von 1902 steht "Cornelius Etienne Sarter."



Das "Schloss Drachenburg" errichten Spezialfirmen aus Deutschland und Frankreich im Rahmen einer Großbaustelle in hohem Tempo auf dem Drachenfels, Münchner Künstler schaffen die Gemälde und Kartons für die Farbfenster.



Gaslampen, zentrale Warmluftheizung, vorgefertigte Bauteile sind modernster Standard der Zeit: Gesamtkosten 17.000.000 € nach heutigem Wert.
Türme, Türmchen, Erker und Zinnen sollen mittelalterliche Eindrücke hervorrufen, die Figuren und Reliefs an den Fassaden



und der Schmuck des Interieurs stellen Personen aus der Geschichte oder Sagenwelt dar, wie Caesar, Karl der Große, Wilhelm I.,


Arnulf von Kärnten,


Siegfried,
stets mit lokalem Bezug zum Drachenfels.
Die Treppe ist Ort der Begrüßung, Bühne für das Zeremoniell des Empfangens und Geleitens, sie dient dem dynastischen Prestige und persönlichen Ruhm des Eigentümers. Der Betrachter soll während des Aufstieges Steigerungseffekte spüren. Das Haupttreppenhaus von Schloss Drachenburg lässt Sarter mit 24 monumentalen Historiengemälden schmücken, gut die Hälfte haben überdauert. Sie zeigen Portraits von acht deutschen Kaisern und Episoden der deutschen Geschichte.





Eine Jagdszene mit dem Ritter vom Drachenfels im Speisesaal, auf der im Hintergrund das Schloß zu sehen ist, beweist, dass die Drachenburg tatsächlich schon im Mittelalter existierte.
Und weil Siegfried den Drachen auf dem Drachenfels erschlug, widmet sich ein eigenes Zimmer in der Drachenburg dem Nibelungenlied.

Neun dreiteilige Lanzettfenster und zwei fünfteilige Maßerkfenster zeigen 51 bedeutende Persönlichkeiten aus allen Bereichen der Kunst und Wissenschaft mit den Wappen ihrer Geburtsstadt und Auszügen aus ihrem Werk -

die Kunsthalle der Drachenburg als neugotischer Tempel,
ein Sonderfall für die gesamte abendländische Kultur.
Im großzügigen Park entstehen


"Nordische Häuser",
Blockhäuser, die mit 2–3 Zimmern Gästen Sommerquartier bieten: Christian Wulff (Wer das ist? Bitte googeln!) wäre einer Einladung sicher gerne gefolgt. Richard Wagners Figuren steuern ihre Namen für die Hütten bei: "Volker, Wotan, Brunhilde, Siegfried, Chrimhilde, Walküre, Tristan, Parsival und Isolde". Sarter lässt Nadelhölzer und ein Wildgehege anlegen, die für angemessen "nordische Stimmung" sorgen.
Der Freiherr von Herzog Georgs Gnaden selbst wohnt nie auf seinem Schloß, kommt nur zu Besuch, spendet und lädt ein: dem Krankenhaus in Königswinter wendet er jährlich 1.000 Francs zu, der Schützengesellschaft zwei Pokale. Gerüchte von Fehlspekulationen und Zahlungsunfähigkeit machen die Runde; er bietet, als 1888 ein Denkmal für Kaiser Wilhelm I. in Planung ist, sein Schloß dem preußischen Staat als "Kaiser-Wilhelm-Burg" an, der Junggeselle Sarter stirbt 1902 kinderlos in Paris, am Palastweiher in Königwinter ist er beigesetzt:
Auf seinem Grab steht: "Baron Stephan von Sarter" (einer der Urgroßneffen des Barons sucht es noch heute -->)

Die Schlossbewohner wechseln sich ab:
Hotelier, Galerist, genesende Mütter, Mönche, Nazis, Amis und Flüchtlinge, Eisenbahner, dann wieder standesgemäß: ein Mitglied des Königshauses Sachsen (eingeheiratet), und schließlich, wie sollte es anders sein, wenn der Reichen Reichtum nicht mehr reicht, der Staat: das Schloß, das nach aufwändigster Restauration



(fast) originalgetreu in altem Glanz erstrahlt, gehört nun uns allen, wir dürfen es - gegen Eintritt versteht sich - ehrfürchtig besichtigen:
Familienticket 13 €
Kombiticket (Berg- und Talfahrt Drachenfelsbahn) Erwachsene: 16 €

Und:
"Eine besondere Art, um sich das Jawort zu geben, ist eine Trauung im frisch restaurierten Musiksaal, im Kneipzimmer oder Trauzimmer des Nordturms. Hier erwartet Sie eine romantische Atmosphäre mit einem herrlichen Panoramablick über Rheintal und Siebengebirge. Abseits des Trubels der Großstadt können Sie hier in idyllischer Landschaft Ihrer standesamtlichen Trauung eine individuelle Note geben. Für einen anschließenden Umtrunk eignet sich die Freiterrasse am Nordturm, auf der Sie mit Freunden und Verwandten auf den Bund fürs Leben anstoßen können."



Ist das nichts?




















Zurück zur Geschichte:
1931 zieht der Orden der "Brüder der christlichen Schulen" ein, das Schloß wird Internat "Heimschule St. Michael".



Katholische Glaubensinhalte und Ideen der bündischen Jugendbewegung bestimmen die Pädagogik: Einfachheit, Naturverbundenheit und freundschaftliches Miteinander. Entsprechend der Schulphilosophie werden die prunkvolle Innenausstattung versteigert, die Räume umgenutzt, die Kunsthalle Kapelle, das



Kneipzimmer Sakristei, Venus und Bacchantinnen verbannt, der Park landwirtschaftlich genutzt, bereichert um Haus- und Blumengarten sowie Gewächshäuser ...
1938 schließen die Brüder die Schule auf Druck der Nazis, die das Schloss zur "Adolf-Hitler-Schule" umbauen: Der originale Haupteingang, eine zweiläufige Treppenanlage mit Portikus, verschwindet, der Park dient dem militärischen Training.



Im März 1945 besetzen amerikanische Truppen kampflos


die durch Bombardierung schwer geschädigte Drachenburg,
richten vorübergehend ihr Oberkommando ein.
1947 mietet die Reichsbahndirektion Wuppertal das Schloss, eröffnet eine Eisenbahnschule, der Direktor sitzt im Nibelungenzimmer. 1960 verlegt die Deutsche Bundesbahn die Schule, das Schloss, seit 1953 Staatsbesitz, wird zum Abriss freigegeben.

1971 hat jemand, der Skurriles liebt, genug auf seinem Bausparkonto, und da er nicht - er muss nochmals herhalten - Christian Wulff, sondern Paul Spinat (Betonung auf dem 'i') heißt, um das Anwesen mit einem Kredit der Schwäbisch Haller Bausparkasse zu 12% Zinsen für den Spottpreis von 500.000 DM zu kaufen, zahlbar in zehn Jahresraten -


Schloss Marienfels,
wo heute Thomas Gottschalk residiert, gehört ihm schon.
Damals half ihm der Bürgermeister von Remagen, einen großen Holzchristus den schmalen, gewundenen Weg zu jener Residenz hinauf zu schaffen, wofür ihn der der neue Schlossbesitzer auf ein Glas Champagner einlud. Der Gastgeber holte aus einer ausgedienten Aktentasche simplen Sekt, Spinat hatte die Flasche mit Goldpapier und einem Schild überklebt: "Cuvée Schloss Marienfels". Dabei vertraute er seinem Gast an, er heiße in Wirklichkeit nicht wie das gewöhnliche Gemüse, sondern sei adelig, stamme aus Frankreich, "Monsieur de Spinat".
Er investiert angeblich Millionen DM in die Wiederherstellung der Drachenburg und "rettet" sie auf seine Art: Die fehlenden Wandgemälde ergänzen junge Künstler dilettantisch mehr schlecht als recht, Glasmalereien ersetzen die zerstörten Farbfenster. Das Mobiliar eine bunte Sammlung aus Antiquitäten und Kuriositäten, etwa ein "Thronsessel Ludwig XIV". Den Park "bereichert" Spinat mit Balustraden aus Beton und einem säulenumstandenen Schwimmbecken. Standesgemäß lässt er sich im goldenem Rolls-Royce aufs Schloß fahren, sogar Andy Warhol ist zu Besuch. Legendär seine Orgelkonzerte, die im


Musiksaal
ein Tonband auf einer Orgelattrappe gibt.
Vereiratet ist Monsieur de Spinat seit 1985 mit
Erna Eilts aus Emden,
die aber zu seiner Zeit bereits Erina heißt (für sie ist es die 4. Ehe), Wirtin einer Szene-Kneipe, Münzhändlerin und mehr. 1974 muss


Prinz Timo von Sachsen, Herzog zu Sachsen, Enkel des letzten Sachsenkönigs Friedrich August III.,
als seine angeschriebene Zechsumme zu hoch wird, ihr das Ja-Wort geben: "Entweder du heiratest mich, oder es gibt kein Bier mehr!"
So wird Erna zur


Prinzessin Erina von Sachsen.
Ihr Prinz stirbt 1982, als Wettinerin kommt sie auf unser aller Kosten zu spätem Reichtum, als 1999 der Freistaat Sachsen den Ansprüchen der 1945 enteigneten blaublütigen Sachsenkönigsfamilie entspricht.




1989 stirbt Monsieur Spinat, der trotz aller Extravaganzen Schloss Drachenburg letztlich gerettet hat.

Die Öffnungszeiten der Drachenburg:
April bis November täglich von 11 bis 18h, in den Wintermonaten Samstag und Sonntag von 12 bis 17h




Galerie








Vorburg