Heidegger und Delos

Hieß diese Insel doch offenbar, deutlich, sichtbar –
einfach nur die Offenbare, die Scheinende,
die alles in ihr Offenes versammelt,
alles durch ihr Scheinen in eine Gegenwart birgt


Wer, nachdem er den heiligen Berg auf gehauenen Stufen erklommen,
den Blick in windig klarer Luft von Delos übers Ägäische Meer schweifen läßt,
sieht Mykonos, Naxos, Paros, Syros und Tinos kreisförmig gelagert,
sieht deutlich am heller werdenen Wasser nahe der Mole,
wenn es zur Ruhe kommt, die Lage des alten Hafens.





Nicht der Rede wert findet es Homer, dass Odysseus auf der Rückkehr
von Troja hier festmacht, weil selbstredend jedes Schiff
Gott Apollo hier Weihgeschenke darbringt und
den größten Sklavenmarkt der Antike auf halbem Weg zwischen
Kreta und den Ionischen Inseln besucht.
Die Helden schreiten entlang der Löwen aus naxischem Marmor,
Richtung Osten brüllend, heute nahezu abgewittert.



In den Kanal von Delos laufen wir südwärts ein und werfen
in der Fourni-Bucht Anker. Wenig später kommt von Norden
eine Yacht und ankert eine halbe Kabellänge voraus. Das englische Paar -
sie überführen ihr Schiff von St. Raphael nach Kusadasi –
lädt uns bei Sonnenuntergang auf einen Schluck Rotwein ein.
Er ist Hochschullehrer, sie liest Being and Time.
Es wird eine ruhige, sternklare Nacht,
wir schwimmen an Land und streifen durchs delische Dunkel,
die Luft ist erfüllt vom Duft der Kamille und dem Rascheln der Echsen im Gras.




Nach dem Start in Venedig und Besuch von Olympia
wird in Delos ein Paar aus Deutschland anlanden,
er widerwillig reisender Philsophieprofossor,
sie die Angst einjagende



Ehefrau Elfride,

die ihm diese Reise geschenkt und unterwegs aquarelliert.
In der venezianischen Lagune notiert er, verwirrt vom Wetter:
Vergangenes, aber kein Gewesenes, das sich in ein Bleibendes versammelt,
um sich den Wartenden neu zu schenken.
Die Geschichte selbst ist vollkommen aus dem Übriggebliebenen gewichen,

widersinnig wie alles, was er schrieb.
In Venedig kann er keine Gesammeltheit fürs Gewesene finden.
Gewesen war es 1937.
Da hatte er, nachdem er seine Lesung mit dem deutschen Gruß begonnen,
im Hörsaal verkündet:
In derBetäubung durch das Historische weichen wir der Geschichte aus. Ausgewichen ist der Sohn seiner Familiengeschichte, wenn er erklärt:
Auch mein Vater hat Widerstand geleistet (Hermann Heidegger)



Dunkle Ahnungen sucht er mit Homer- und Heraklit-Lektüre
an Bord der Jugoslavija im Frühjahr 1962 zu vertreiben,
endlich, in Delos schließlich die lang gehegten Besinnungen auf die alétheia,
auf die Verhältnisse des Entbergens und Verbergens, die gesuchte Bewährung,

weil ihm doch nach all der Irrfahrt durchs Nach-, Vor- und Ungriechische
dieses Eigene verlangte. Hieß diese Insel doch offenbar, deutlich, sichtbar –
einfach nur die Offenbare, die Scheinende, die alles in ihr Offenes versammelt,
alles durch ihr Scheinen in eine Gegenwart birgt.

In seiner Annäherung an das, worüber er, ohne es je gesehen zu haben,
getreu Old Shatterhand schon alles gewusst und noch mehr geschrieben hatte,
erkennt er:
Das Abendländische hob mit der Übersetzung,
und zwar als Geschichte einer Verstellung an.
Die abendländische Auslegung des Seins des Seienden
mit ihrer Bestimmung der Dingheit des Dinges
als der Substanz mit ihren Akzidenzien beginnt
mit der Übernahme der griechischen Wörter
in das römisch-lateinische Denken.
Die Bodenlosigkeit des abendländischen Denkens beginnt mit diesem Übersetzen.

Bodenlos.
Und seine Fahrt nach Delos geschieht selbstredend unter seinsgeschichtlichen Wegmarken,
Folgen wir seinem Rat:
Wir können nur entweder uns auf den Weg machen zum Anfang,
oder aber ihm ausweichen.

Die Chiffre dim. 13.10.09, im Eintrittsbuch des Novizats Tisis



bezeichnet das Scheitern der Aufnahme in die Gesellschaft Jesu
und steht für dismissus.Vorwand: Herzbeschwerden.
Die müssen auch später herhalten für Befreiung vom Wehrdienst.
Er entwickelt eine Spache mit Begriffen wie Ruinanz, Prästruktion,
Larvanz, Reluzenz,
die Ausdruck seiner Verschrobenheit sind.
Sie lenken den Blick in sein Inneres ab, die paranoide Angst
vor negativen Bewertungen seiner Person wächst.
Er bereitet den Aufstieg vom heimlichen König der Philosophie
zum größten Denker des Abendlandes vor zum Preis für
die zunehmende Abspaltung des privaten Selbst in der Form der Verstiegenheit.



Exempel: Sein Umgang mit dem vier Jahre dauernden intimen Verhältnis
zur Studentin Hannah Arendt: Er wahrt das Bild des treuen Ehemannes.
Heimlich trifft der Gelehrte die Geliebte, verlangt extreme Selbstverleugnung,
zwingt sie, Marburg zu verlassen, um seinen Ruf zu erhalten.
Hannah nennt das starre Hingegebenheit an ein Einziges,
beruhend auf seiner Seelenführer-Selbstinszenierung.
Die Dunkelheit von Sein und Zeit erhöht den Nimbus.
Seine Rektoratsrede, wo er drei Bindungen in den Mittelpunkt stellt:
Arbeitsdienst, Wehrdienst und Wissensdienst: Philosophie?



Der Kontakt zu seinem privaten Selbst ist verloren,
er verbrämt seine Verstrickung in den Nationalsozialismus,
nennt sie überpersönliches Schicksal, später Versehen.
Vor einer akuten Psychose hat ihn einzig bewahrt,
dass er trotz ergebnislosen Suchens nach dem Eigenen und Eigentlichen
hinsichtlich der eigenen Identität es verstand,
ein Publikum mit dieser Suche im Öffentlichen zu interessieren.
Er wendet sich


Hölderlin

zu, entwickelt eine eigene Sprache, sein Sein wird Seyn,
er will nicht verstanden werden, sondern Schlupflöcher stopfen.
Die Innigkeit jener Götterung des Gottes der Götter -
Zeichen von Geistesstörung?
Die manierierte Sprache ist Ausdruck der Unfähigkeit zur Scham,
er hat sich verstiegen, den Abstieg verbaut.
In Todtnauberg lässt Nobelpreisträgerin Jellinek, Jüdin,
Martin seine jüdische Geliebte Hannah wieder treffen.
Er, banal wie Eichmann böse, wird sie brutal mit der Axt schlachten.



Und in Gesines Tagen taucht Hannah bei Uwe Johnson,
Kettenraucherin mit scharfer Zunge, als Gräfin Seydlitz auf,
weil Hannah Freund Uwe verboten hat, ihren richtigen Namen zu nennen.



Wer den Begriff Heidegger in eine bekannte Suchmaschine eingibt,
bekommt etwa 800.000 Fundstellen geliefert, z.B. auch diese:
Die Nichtung läßt sich nicht in Vernichtung und Verneinung aufrechnen.
Das Nichts selbst nichtet.


W. G. Sebald über Heidegger: Für die falsche Anschauung weiß ich kein besseres Beispiel, als das Unwesen, das die Hüter und Heger des deutschen Geistes, allen voran der Freiburger Rektor mit dem Hitlerbärtchen, mit dem armen Hölderlin trieben.